Andreas Gehrke
Andreas Gehrke, Leiter des hr-Studios Kassel Bild © hr/Ben Knabe

100 Tage documenta: Vom 10. Juni bis 17. September verwandelt die weltweit bedeutendste Ausstellung zeitgenössischer Kunst die Stadt in ein quirliges Gesamtkunstwerk. Andreas Gehrke, Leiter des hr-Studios Kassel, im Interview.

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Ein Werbeplakat zur documenta am Eingang des Fridericianum in Kassel Bild © picture-alliance/dpa
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Herr Gehrke, Sie sind im Rheinland groß geworden. Es ist ein offenes Geheimnis: Die rheinländische Mentalität ist doch etwas anders als die nordhessische. Wie war Ihr Einstieg, als Sie 2008 nach Kassel kamen?

Andreas Gehrke: Ganz ehrlich: Ich habe vorher nicht gewusst, wie sehr man den Rhein vermissen kann. Dass das sogar körperlich weh tut. Ich habe zwei Straßen vom Rheinufer entfernt gewohnt. Und als ich zum ersten Mal nach Nordhessen kam, war es Dezember, ein grauer, regnerischer Tag. Kassel hat es mir nicht gerade leicht gemacht. Aber ich habe dann sehr schnell gemerkt: Man braucht zwar etwas länger, um mit Nordhessen warm zu werden, aber die Menschen hier sind ausgesprochen herzlich. Und – auch wenn es Auswärtige immer wieder verblüfft – Kassel hat unglaublich schöne Ecken.


Zum Beispiel?

Na, den Bergpark Wilhelmshöhe zum Beispiel. Das hat sich ja inzwischen rumgesprochen, seit der zum Weltkulturerbe gehört. Wenn nicht gerade die Touri-Massen anrauschen, ist es wie ein kleiner Urlaub, sich da die frische Luft um die Nase wehen zu lassen. Aber auch die Fulda-Aue mit der Orangerie auf der anderen Seite der Stadt. Oder der "Vordere Westen". Das ist das Gründerzeit-Viertel Kassels, das den Krieg zum Glück gut überstanden hat. Ich mag die vielen kleinen Läden dort, die Boutiquen und Kaffeeröstereien. Einer macht da einen Laden auf, um sein eigenes Klamotten-Label zu vermarkten. Andere bieten selbst gemachte Pralinen an. Lecker! Dort ist Kassel jung, quirlig, kreativ.


Klingt nach Aufbruch …

Das ist auch so. Kassel hat sich in den letzten Jahren stark verwandelt. Früher hieß es mal: Wer weg kann, der geht auch weg. Als ich nach Kassel gezogen bin, kam noch die Frage: Bist du freiwillig hier? Das ist nicht mehr so. Viele junge Leute versuchen jetzt ihr Glück in der Stadt. Gutes Beispiel: Die beiden Jungs von "Milky Chance". Seit die mit ihrem ersten Album die Charts gestürmt haben, auch in den USA, könnten die längst in Berlin oder Hamburg sein. Nein, sind sie nicht. Die sagen: Wir lieben Kassel, hier entstehen unsere Songs, und hier bleiben wir auch. Das steht stellvertretend für ein neues Selbstbewusstsein, das sich in der Stadt breit gemacht hat. Und das steht Kassel sehr gut.


Und Sie als Fernsehmann sind mitten drin. Ist Ihre Rolle als Journalist und Studioleiter ein Türöffner?

Ja, keine Frage. Mit dem Studio Kassel sind wir nah dran an den Menschen und Geschichten hier in Nordhessen. Tagesaktuell sowieso. Aber auch mit den Sendungen, die wir im Studio Kassel produzieren. "Herkules" zum Beispiel, unser Heimatmagazin, das jeden Sonntag über spannende Geschichten aus Nord- und Osthessen berichtet. Wir sind zum Beispiel mal mit einer mobilen Krankenschwester im Raum Hersfeld-Rotenburg übers Land gefahren oder hatten einen Hundefriseur in der Sendung, der Bello & Co. die ausgefallensten Frisuren verpasst hat. Ein bunter Mix, aber irgendwie geht es immer um starke Typen.


Der Hessische Rundfunk hat ja aktuell viel Geld in sein Kasseler Studio investiert. Was ist damit passiert?

Das ist in den Hörfunkbereich geflossen. Das Landesprogramm hr4 hat in Kassel für zwei Millionen Euro einen funkelnagelneuen Sendekomplex bekommen. Das ist auch ein klares Bekenntnis des hr zum Standort Kassel. Hier arbeiten – Fernsehen und Radio zusammen – rund 150 Leute. Von hier aus haben wir die Ereignisse in Nordhessen fest im Blick.


Als nächstes Großereignis steht da die documenta an. In Ihrem Büro hängt eine Aufnahme des "Himmelsstürmers", ein berühmtes documenta-Kunstwerk, das jetzt am Kasseler Hauptbahnhof steht. Freuen Sie sich auf die Weltkunstschau?

Klar. Ich bin zwar kein Galerie-Hopper, aber die documenta, das ist sehr lebendige Kunst. Und Kassel blüht in dieser Zeit spürbar auf. Nicht nur die Künstler und ihre Werke sind spannend, auch die Besucher aus aller Welt. Es gibt viel internationales Flair, was für eine relativ kleine Stadt mit 200.000 Einwohnern ja nicht selbstverständlich ist. Die Gastronomie rüstet auf, es gibt Cafés, die nur während der documenta aufmachen. Dutzende Straßenmusiker bevölkern in dieser Zeit die Innenstadt. Ich könnte stundenlang da sitzen und nur Leute angucken. Und auch die documenta selbst verändert sich innerhalb der 100 Tage: Riesenkunstwerke auf der grünen Wiese werden vom Wind umgeblasen. Eine Menschen-Skulptur auf dem Kirchturm wird für einen Selbstmörder gehalten. Es gibt Bombenalarm, weil im Ausstellungsbereich ein Reagenzglas gefunden wird, das keiner zuordnen kann. Irgendwas ist immer. Und es sind auch diese Geschichten drum herum, die die documenta so spannend machen – und über die wir natürlich berichten.

Andreas Gehrke
Walking to the sky ... Bild © picture-alliance/dpa/hr/Ben Knabe/Montage: Andreas Frommknecht


… und nach der documenta versinkt Kassel wieder im Dornröschenschlaf?

Nein, auf keinen Fall: Das ist auch so ein Klischee, das man ganz schnell los wird, wenn man in Kassel lebt. Sicher, die documenta bringt frischen Wind in die Stadt, und Kassel ist im Ausnahmezustand. Aber auch zwischen den documenta-Jahren ist hier viel los. Kassel hat ein überraschend vielfältiges Kulturangebot. Wenn ich wollte und die Zeit hätte, könnte ich jeden Tag etwas in Sachen Kultur unternehmen.


Interview: Michael Przibilla

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Webdoku "Art und Survival: Athen", 9 Teile, vom hr produziert für ARTE Creative

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