Andreas Horchler
Andreas Horchler in Washington Bild © hr

Fernseh- und Hörfunk-Korrespondenten des Hessischen Rundfunks berichten aus ARD-Auslandsstudios für den gesamten Senderverbund. Das Korrespondentennetz der ARD ist eines der größten der Welt. Andreas Horchler war vier Jahre als Auslandskorrespondent für den hr in Washington. Nun ist er zurück in Frankfurt und erzählt über seine Zeit in den USA.

Vier Jahre. Vorbei. Unfassbar. Da waren die stolzen VW-Leute, mit dem ersten Jahrgang der dualen Ausbildung in Chattanooga, Tennessee, lange vor dem Dieselskandal. Ein Gouverneur, der das Modell pries und im gleichen Atemzug sagte, dass ein solches Ausbildungsformat in den USA vollkommen ausgeschlossen ist. Das würde keiner zahlen. Da waren die sechzehnjährigen schwangeren Mädchen vom Stamm der Chocktaw-Indianer im Süden von Oklahoma. Texoma heißt die Gegend, weil die Grenze nach Texas nah ist. Kein High-School-Abschluss, die betrunkenen Väter weggelaufen. Eine "promise-Zone" mit Zusagen für Bildung und Jobs. Das kaputte Detroit mit seinen mutigen Leuten, die aufbauen, was kaputt für die Ewigkeit erscheint. Die armen Schlucker im Harlan County, Kentucky, die wieder und wieder sagen, die Kohle wird zurückkommen. Wird sie nicht.

Da waren die Leute von Ferguson in den Krawallnächten und ein Jahr danach. Alles beim Alten. Die Cops machen Jagd auf die Schwarzen, die Straßenseite entscheidet über Erfolg und Scheitern. Da waren die anmutigen Seekühe in Florida, die Manatees. Riesen, mit denen ich geschwommen bin. Da waren blasende Wale in Gloucester, Massachusetts, Bergziegen und Bären in den Sangre des Christo Bergen, Konföderiertenfahnen in Charleston, South Carolina, dem ehemaligen Hauptumschlagplatz für Sklaven mit seiner wunderschönen AME Emmanuel Baptist Church, in der Dylan Roof die Betenden erschoss und Obama Amazing Grace sang. Uranverseuchte Sioux-Reservate in South Dakota, Weltkunst und Geburtsort der Atombombe in trauter Nachbarschaft in New Mexico, in Santa Fe und Los Alamos. Da war das Ende der Route 66 auf dem Pier in Santa Monica, die Grenze zwischen Texas und Mexiko am Rio Grande, wo kein Mensch englisch spricht und die wenigsten eine Mauer wollen. Da war Bernieland in Burlington, Vermont direkt an der kanadischen Grenze, der wunderbare Herbst in New Hampshire, großartige Musiker in den Bergen der Appalachen, die auf dem Banjo locker doppelt so schnell sind wie Jimi Hendrix auf der Gitarre war.

Korrespondenten-Team in Washington
Das Team in Washington: Andreas Horchler (hr), Sabrina Fritz (SWR), Jan Bösche (MDR), Martin Ganslmeier (NDR, Studioleiter), Rolf Büllmann (BR) und Martina Buttler (WDR) (von links) Bild © hr

Ich habe ein tolles Team erlebt, in dem es nicht so wichtig ist, ob man nun fürs Fernsehen oder das Radio arbeitet, groteske Arbeitsbedingungen im Zelt beim Parteitag der Demokraten in Pennsylvania. Ohrenbetäubender Lärm und arktische Temperaturen, das Experiment, vom Balkon aus zu senden, als Bernie Sanders unter tobendem Applaus mit seiner Rede begann. Die Fragen von Werner Schliericke habe ich nicht verstanden, aber erzählt habe ich trotzdem.

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„Von den Obamajahren scheint nicht viel zu bleiben.“
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Da sagte Michelle Obama auch das erste Mal "When they go low, we go high". Und Ihr Mann leitete seinen Abschied ein. Überhaupt Obama. Den habe ich einige Male gesehen. Im Weißen Haus, unterwegs im Wahlkampf, in Philadelphia, auf Kuba, wo er den begeisterten und verdutzten Kubanern zurief "Si se puede", ein spanisches "Yes we can". Von den Obamajahren scheint nicht viel zu bleiben. Was ich und wohl ein paarundneunzig Prozent der Kollegen für unmöglich hielten, trat ein. Der liberale, tolerante, weltoffene Fortschritt ließ sich doch aufhalten. Ja, Donald Trump hatte damals, im Februar 2016 die Leute in Manchester, New Hampshire begeistert. Das war ein Magnetismus. Mich überkam Furcht, als ich statt des am Eingang verteilten "Make America great again"-Pappschilds mein Mikrofon in die Höhe reckte, denn wer an diesem Rausch der Uniformität nicht teilnahm, war suspekt. Mir fiel in einem Livegespräch dazu ein, dass Trump einen Popsong singt, der keine Strophen, aber ganz viel Refrain hat. "Make America great again". Das zog und zieht sich wie ein roter Faden durch die bisherige Präsidentschaft. Bei der Inauguration auf der National Mall war es wirklich, ganz ehrlich nicht besonders voll. Liegt daran, dass im Umkreis der Hauptstadt fast nur liberale Leben und die Eingangskontrollen so heftig waren, dass vielleicht einige Trumpisten wieder umgekehrt sind. Die da waren, hörten Düsteres. Ich hatte mich mit Schneidekommando sehr früh in Erwartung des Amtseids eingeschaltet und musste noch gut drei Minuten Mormonenchor übersprechen, bis dann Donald J. Trump 45. Präsident der USA wurde und sich die Zeiten gründlich änderten.

Seit der Wahl fährt Washington Achterbahn. Tweets, Mauer, Russland, Travel Ban, Auslandsreise, Gipfel. Es hört einfach nicht auf. Wir unternehmen immer wieder Versuche, den neuen Präsidenten und seine Wähler zu verstehen. Es ist nicht einfach.

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„Die Wahrheit wird in unseren Tagen immer wichtiger.“
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Washington habe ich sehr gemocht. Praktisch, kleiner als Frankfurt, an jeder Straßenecke lauert jemand, der mindestens doppelt so schlau ist wie ich. Das ist ein Ansporn. Ein paar Meter von meinem zu Hause in der US-Hauptstadt ist "Politics and prose", eine der schönsten Buchhandlungen, die ich kenne. Und das im Amazonland. Die Besitzerin hat früher Reden für Hillary Clinton geschrieben und ist bestens vernetzt. Bei einer ihrer Veranstaltungen, die es fast jeden Abend gibt habe ich John Lewis kennen gelernt. Ein Denkmal! Der letzte überlebende Hauptredner des "March on Washington“ 1963. Ein bescheidener Mann, der mir erzählt, wie er als kleiner Junge öffentliches Sprechen geübt hat. Die Zuhörer waren Hühner, die er auf der elterlichen Farm in Alabama hütete. Gleichberechtigung von Schwarz und Weiß? In den USA 2017 ein Wunschtraum.

Nebenan ist die Pizzeria Comet. Wir sind dort gern eingekehrt. Die Kombination von ehrlichen Gerichten und Tischtennis ist hervorragend geeignet. Aber Comet ist auch Schauplatz von Pizzagate. Hillary Clinton und ihr Kampagnenmanager sollten einen Kinderporno- Ring im Keller unterhalten. Die Konspirationstheorie inspirierte einen bewaffneten Mann dazu, selbst nach dem Rechten zu sehen. Ich glaube, sogar Xavier Naidoo hat eine Pizzagate-Referenz in seinem jüngsten, vielgeschmähten Song. Problem: Das Comet hat keinen Keller. Schon gar keinen mit minderjährigen Sexsklaven. Die Wahrheit wird in unseren Tagen immer wichtiger.

Viele enge Freundschaften sind über die Jahre hier entstanden. Manche werden gewiss überdauern. Da sind Marc und Miranda, er weiß, aus Michigan, sie schwarz, aus Brooklynn. Sie machen sich lustig über Stadt und Land, das grelle Leben in New York und die praktische Herangehensweise im Mittleren Westen. Beide haben Kinder in die Beziehung gebracht. Marcs Sohn ist neugierig, will ausprobieren, Teenager halt, Mirandas Tochter lernt von vornherein, welche Situationen, welche Gesellschaft für Menschen mit etwas dunklerer Hautfarbe zu meiden sind. Meine Frau hat sich in ihrer Kunst sehr inspirieren lassen. Von den Widersprüchen, von der rasanten politischen Entwicklung, von den mutigen Menschen, die sich nicht beirren lassen, von der Vielfalt der Landschaft zwischen Sumpf, Strand, Wüste und Gebirge.

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„Dieses Land und meine Stadt Frankfurt, meinen Sender hr wieder richtig kennenlernen, darauf freue ich mich.“
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Dann wäre da auch noch die "Class of 17", die Gründungsmannschaft im ARD-Studio. Bis Ende 2014 hatte ich ja noch die Verantwortung für das Gruppenstudio am Eton Court mit Assistentin und Juniorkorrespondent. Dann kam der Umzug. Von drei Studioleitern blieb einer. Kann das gutgehen? Kann es. Wir alle haben uns vom ersten Tag an gut verstanden. Und haben in der einen oder anderen Kombination in diesen verrückten Jahren Geschichten erlebt, die Enkel-erzählwürdig sind, mit 400 Livegesprächen rund um die Wahlnacht, mit Türschildern: Auf der einen Seite: "sleep" auf der Anderen "on air". "sleep" war in diesen heißen 72 Stunden eigentlich nie zu sehen. Class of 17. Jetzt gehen drei. Drei neue kommen.

Drei Korrespondenten verabschieden sich aus Washington
Drei Korrespondenten verabschieden sich aus Washington: Rolf Büllmann, Sabrina Fritz und Andreas Horchler (von links) Bild © hr

Jetzt bin ich gespannt, tippe auf dem Laptop, weil der Arbeitsplatz schon abgebaut ist. Gespannt auf Deutschland. Tina Hassel erzählte uns Washingtonern mitten in der Flüchtlingskrise, als sie den Bundespräsidenten in die US-Hauptstadt begleitete: "Macht Euch auf etwas gefasst. Ihr werdet in ein anderes Land zurückkehren". Dieses Land und meine Stadt Frankfurt, meinen Sender hr wieder richtig kennenlernen, darauf freue ich mich. Und bin dankbar dafür, diese anstrengende, aufregende, verrückte, prallvoll angefüllte Zeit hier in Washington erlebt haben zu dürfen. Wir werden gern nach Washington zurückkommen. Immer wieder. Als Besucher. Nicht mehr als Bewohner. 

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