Auktion in Hanau
Menschenmenge bei einer Versteigerung von enteignetem Hausrat deportierter Juden in der Gegend von Hanau, ca. 1942. Bild © Stadt Hanau-Medienzentrum/Bildarchiv

"Da mein Sohn außerordentlich begabt ist, wie auch sein Lehrer bestätigt, bitte ich Sie, mir das Klavier des evakuierten Juden zu überlassen", schrieb 1942 ein Offenbacher Bürger an sein Finanzamt. Zu dieser Zeit waren die Finanzämter mit der so genannten Verwertung des Eigentums der Deportierten befasst, das seit der 1941 erlassenen 11. Verordnung zum Reichsbürgergesetz dem "Reich verfiel".

Überall kam es zu öffentlich angekündigten Auktionen aus jüdischem Besitz: Tischwäsche, Möbel, Kinderspielzeug, Geschirr, Lebensmittel wechselten den Besitzer. Vorausgegangen waren ab 1933 zahlreiche Gesetze und Verordnungen, die auf die Ausplünderung jüdischer Bürger zielten. Die überlieferten Akten zeigen, dass unterschiedliche Dienststellen in Finanzbehörden, Zollfahndung und Devisenstellen gemeinsam mit der Gestapo und anderen Organisationen in gesetzlich legalisierten Aktionen Sparbücher, Devisenguthaben und Wertpapierdepots jüdischer Bürgerinnen und Bürger einzogen. Sie belegten ihre Opfer mit Sondersteuern und Strafkontributionen und versteigerten öffentlich das Hab und Gut der aus Deutschland Geflohenen oder Deportierten.

In der Folge verdiente das "Deutsche Reich" durch die Reichsfluchtsteuer an denen, die es in die Emigration trieb, wie an denen, die blieben, weil ihnen das Geld für die Auswanderung fehlte oder weil sie ihre Heimat trotz allem nicht verlassen wollten. Die Ausplünderung war ein wichtiger Teil der Vernichtungsmaschinerie und zugleich Bestandteil der NS-Kriegswirtschaft.

"Deutsche verwerten jüdische Nachbarn"

Frau bei Auktion in Hanau
Versteigerung von enteignetem Hausrat deportierter Juden in der Gegend von Hanau, ca. 1942 Bild © Stadt Hanau-Medienzentrum/Bildarchiv

Es dauerte Jahrzehnte, bis dieses Kapitel der NS-Geschichte aufgearbeitet wurde: 1998 rückte die Ausstellung "Betrifft: 'Aktion 3'. Deutsche verwerten jüdische Nachbarn" im Stadtmuseum Düsseldorf  die fiskalische Ausplünderung der Juden im Nationalsozialismus erstmals in das Blickfeld einer breiteren Öffentlichkeit. Gezeigt wurden Unterlagen aus dem Bezirk der Oberfinanzdirektion Köln, doch die Ausstellung löste eine bundesweite Debatte aus: Sie warf einerseits erneut die Frage auf, was die deutsche Bevölkerung von der Ermordung der Juden gewusst hatte. Andererseits entstand die Frage, ob solche Unterlagen überhaupt veröffentlicht werden durften: Handelte es sich bei den Dokumenten um Steuerakten, die dem Steuergeheimnis unterlagen, oder handelte es sich um Akten der historischen Forschung?

Das Beispiel Hessen

Porträt Karl Starzacher
Karl Starzacher, Hessischer Minister der Finanzen von 1995 bis 1999 Bild © hr / Karl Starzacher

In der Folge wies der damalige Hessische Minister der Finanzen, Karl Starzacher,  die Finanzbehörden des Landes an, in ihren Beständen nach NS-Unterlagen zu suchen. Im Dezember 1998 übergab er vier Aktenkonvolute der ehemaligen Reichsfinanzverwaltung, die im Archiv der Oberfinanzdirektion Frankfurt am Main gelegen hatten, an die Frankfurter Jüdische Gemeinde.

"Nicht wenige haben von der Vertreibung der Juden profitiert"

Seine Erkenntnisse formulierte er so: "Es wurden Tausende vertrieben, alles sprach dafür, dass sie nie mehr zurückkehren würden", doch Zweifel, weshalb die Opfer, die angeblich nur in die sogenannten "Ostgebiete" umgesiedelt werden sollten, keinerlei Möbel, Gebrauchsgegenstände oder Wäsche mehr brauchten, seien in der Finanzverwaltung offensichtlich nicht aufgekommen. Stattdessen habe sie die Einziehung und Verwertung von Vermögen der Deportierten "reibungslos und ohne jede Skrupel" administriert. Große Nachfrage aus der Bevölkerung verzeichnen die Dokumente auch nach dem gerade erst beschlagnahmten Besitz der Deportierten. Bei den öffentlichen Versteigerungen ihrer letzten Habseligkeiten sei der Zulauf "außerordentlich groß" gewesen. Für Karl Starzacher ergab sich aus den Dokumenten: "Sehr viele haben gewusst oder haben wissen können, was tatsächlich vor sich ging. Und nicht wenige haben von der Vertreibung der Juden profitiert."

Forschungsprojekt und Ausstellung

Da es an einer zusammenhängenden Darstellung fehlte, stellte das Land Hessen 1999 die Mittel für ein Forschungsprojekt zur Verfügung, das vom Fritz Bauer Institut in enger Zusammenarbeit mit dem Hessischen Hauptstaatsarchiv durchgeführt wurde. Dieses Forschungsprojekt bildete die Grundlage für die gemeinsam mit dem Hessischen Rundfunk konzipierte und realisierte Ausstellung sowie den Film "Der große Raub" (hr, 2002).

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