Parthenon der Bücher
Der spektakuläre „Parthenon der Bücher“ auf dem Friedrichsplatz in Kassel Bild © hr

Sie ist eine der weltweit bedeutendsten Ausstellungen für zeitgenössische Kunst – die documenta in Kassel. „ttt – titel, thesen, temperamente“ widmet sich der Kunstschau in einer 45-minütigen Extraausgabe. Die Sendung kommt am Sonntag, 11. Juni, vom Hessischen Rundfunk (hr) und ist um 23.35 Uhr im Ersten zu sehen.

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Seit 1955 findet sie alle fünf Jahre statt – für jeweils 100 Tage. Für die 14. documenta (d14), die ab dem 10. Juni in Kassel zu sehen ist, hat sich der diesjährige Leiter Adam Szymczyk einen besonderen Scoop ausgedacht. Unter dem Motto „Von Athen lernen“ wird die Schau diesmal neben Kassel auch in der griechischen Hauptstadt präsentiert: Der erste Teil der Groß-Kunstschau wurde dort bereits am 8. April eröffnet. Für Adam Szymczyk ist das ein solidarischer Akt, denn Athen, die Wiege der Demokratie, ist heute Inbegriff für die EU-Schuldenkrise und Zufluchtsort unzähliger Geflüchteter.

Flucht, Vertreibung und Verfolgung sind somit die Themen vieler documenta-Werke, von denen manche Bezüge zu Griechenland aufweisen – so auch den spektakulären „Parthenon der Bücher“ auf dem Friedrichsplatz, gebaut nach dem Vorbild des Tempels auf der Athener Akropolis: ein riesiges, mit ehemals oder immer noch verbotenen Büchern behängtes Drahtgerüst, die weltweit von Bürgern gespendet wurden und werden. Ohne Bücher keine Demokratie. Die argentinische Künstlerin Marta Minujín setzt damit ein monumentales Zeichen gegen Zensur und die Verfolgung von Schriftstellern.

Überhaupt ist die documenta 14 im nordhessischen Kassel – anders als in der Millionenstadt Athen – kaum zu übersehen. Viele öffentliche Museen sind beteiligt, zudem dienen Plätze und Parks als Ausstellungsorte für über 150 internationale Künstlerinnen und Künstlern. Vor der documenta-Halle ist etwa die Installation des im Irak geborenen Künstlers Hiwa K zu sehen, der mit Hilfe von Studierenden in Kassel aus 20 Abwasserrohren ein beeindruckendes Objekt geschaffen hat – inspiriert durch Freunde, die während ihrer Flucht in der griechischen Hafenstadt Patras über Wochen in solchen Röhren gelebt haben.

Adam Szymczyk hat auf der „d14“ weitgehend auf große Namen verzichtet und viele unbekannte Künstlerinnen und Künstler eingeladen. Man wolle zeigen, dass wichtige Kunst nicht nur in Metropolen wie New York oder Berlin, sondern auch in der „Peripherie“ entstehe.

Die documenta 14 - sie ist insgesamt sehr politisch mit Themen wie „Migration“, „Kolonialismus“ bis hin zu „Rückgabe von Beutekunst“. Adam Szymczyk ist mit einem hohen ideellen Anspruch gestartet, doch hält diese Weltschau der zeitgenössischen Kunst, was sie verspricht? Von Athen lernen? Welche Anstöße gibt uns die Kunst in Zeiten der Eurokrise und des grassierenden Populismus? Und: Wie viel Politik verträgt die Kunst?

„ttt“ befragt dazu Künstlerinnen und Künstler wie Ahlam Shibli, Emeka Ogboh und Miriam Cahn, und „ttt“-Moderatorin Evelyn Fischer führt zu den beeindruckendsten documenta-Orten, wo sie nicht nur auf politische, sondern auch auf trinkbare Kunst stößt …

Die Themen der Sendung im Einzelnen:

„Armee der wunderschönen Frauen“ – Irena Haiduks Kunst-Unternehmen „Jugoexport“: „ttt“ trifft die „Armee der wunderschönen Frauen“ und Irene Haiduk in Athen und Kassel. Mit ihrem „Kunst-Unternehmen“ verfolgt die Künstlerin besonders ein Ziel, das sie in Krisen jeder Art für wichtig hält: „Wir sollten nicht hoffen, sondern etwas tun! Wir müssen uns selbst befreien, uns aufrichten – und uns nach vorne bewegen!“

Von Vertriebenen und Gastarbeitern – Die fotografischen Reportagen von Ahlam Shibli: „ttt“ hat Ahlam Shibli, die sich selbst und ihre Arbeit immer wieder in Frage stellt, gefragt, warum sie in ganz verschiedenen Gemeinschaften immer wieder den verschiedenen Formen des „Sich-Zuhause-Fühlens“ nachspürt.

Perspektivwechsel – Hiwa K lässt Besucher in die Röhre schauen: „ttt“ trifft Hiwa K, der sich selbst weniger als politischer Künstler denn als Geschichtenerzähler versteht, in Kassel.

Kompromisslos auf Augenhöhe – Die Malerin Miriam Cahn: „ttt“ trifft Miriam Cahn in Kassel, spricht mit ihr über ihre Bilder, über Augenhöhe in der Kunst und die Schwierigkeit, Betroffenheit auszudrücken, ohne in Betroffenheitskitsch zu verfallen.

Das Krisen-Ich – der documenta-Künstler Apostolos Georgiou: „ttt“ trifft Apostolos Georgiou in seinem Atelier in Athen und in Kassel, wo er zur documenta 14 an einem ungewöhnlichen Ort, einem ehemaligen Lederwarengeschäft aus den 50er Jahren, ausstellt.

„Raub, Aneignung, Kolonialisierung“ – Schwerpunkte der documenta 14:

„ttt“ wirft einen Blick auf die Schattenseite der Kunst – die hemmungslose Gier danach, sie zu besitzen. Raub, Aneignung, Kolonialisierung der Kunst sind Schwerpunkte der documenta 14.

Der Magier des Indigo-Blau – Aboubakar Fofana: „ttt“ trifft Fofana auf seiner Indigo-Farm und in seinem Atelier in Bamako. Hier gibt er Einblick in die spirituelle Praxis des Textilfärbens.

Wer hat Angst vor Schwarz? – Der nigerianische Künstler Emeka Ogboh bringt Schärfe ins deutsche Bier: „ttt“ hat Emeka Ogboh bei der Bierproduktion in Kassel besucht und sich mit ihm über das Reinheitsgebot und die Bedeutung von Gewürzen und Gerüchen unterhalten.

Marco Möller
Marco Möller Bild © hr/Ben Knabe

Pressereferent hr-fernsehen und Das Erste
Marco Möller
Telefon: +49 (0)69 155-4401
E-Mail: marco.moeller@hr.de