Moderator Robert Hübner
Moderator Robert Hübner Bild © hr/Ben Knabe

Missstände gibt es leider viele – auch in Hessen. Für die Macher der Sendung "defacto" ist das ein Ansporn. Sie lassen nicht locker, recherchieren und unterstützen ganz konkret. Das erfolgreiche Magazin, das im Studio Wiesbaden entsteht, wechselt den Sendeplatz und ist ab 11. September montags um 20:15 Uhr im hr-fernsehen zu sehen.

"Ich erlebe vor allem verzweifelte Menschen, die schon vorher versucht haben, sich Hilfe zu holen, die aber allein einfach nicht mehr weiterkommen", sagt Moderator Robert Hübner, als ich ihn frage, was ihn erwartet, wenn er für "defacto" Betroffene zuhause besucht. "Sie sind unglaublich dankbar, dass es eine Institution gibt, die ihnen aus scheinbar ausweglosen Situationen weiterhelfen kann. Als Hessischer Rundfunk können wir in manchen Fällen durch öffentlichen Druck etwas ausrichten."

"Jetzt reicht’s" ist eine Rubrik des erfolgreichen hr-Magazins "defacto". In über 350 Fällen konnten die Fernsehmacher in den vergangenen Jahren Menschen im Behördendschungel zu ihrem Recht verhelfen. Zum Beispiel einer jungen Mutter, die nach der Schwangerschaft eine Hand verliert, ihren Haushalt nicht mehr bewältigen kann und der die Krankenkasse die elektrische Handprothese nicht genehmigen will. Oder der Mutter einer jungen Autistin, die ihren Job kündigen muss, um sich um die Tochter kümmern zu können und beim Amt um finanzielle Unterstützung kämpft. Oder der älteren Dame, die im Zweiten Weltkrieg verschüttet wurde und seitdem auf einen speziellen Rollstuhl angewiesen ist, den die Kasse jetzt nicht weiter bezahlen will.

"Es ist für jeden Journalisten eine tolle Sache, wenn man das Gefühl hat, man kann etwas bewegen", sagt die verantwortliche Redakteurin Jacqueline Paus.

Redakteurin Jacqueline Paus
Redakteurin Jacqueline Paus Bild © hr

"Wir sagen, 'Wir lösen das Problem', das ist das Ziel unserer Rubrik 'Jetzt reicht’s'. Denn manche Menschen haben beispielsweise einen kranken Angehörige zuhause und sollen sich dann auch noch mit dem Papierkram rumschlagen. Sie sind damit einfach überfordert, das wäre ich wahrscheinlich auch. Wir sind hier im hr-fernsehen sehr gut informiert, wir wissen oft schnell, wo man anruft, viele Menschen wissen das einfach nicht." Und Moderator Robert Hübner wirft ein, "indem ich mich als Moderator auch vor Ort für die Leute einsetze, wissen unsere Zuschauer, dass wir sie ernst nehmen. Das ist uns wichtig. Und wir tun das alle sehr gern."

Neuer Sendeplatz: montags, 20:15 Uhr

Ab September wird die "defacto"-Redaktion das noch ausführlicher machen. Denn die Sendung wechselt vom Sonntag- auf den Montagabend und wird auf 45 Minuten verlängert. Die „Jetzt reicht’s“-Rubrik wird sich nicht nur dem Behördenärger, sondern auch anderen Problemen widmen: Wenn man zum Beispiel aus einem Fitnessstudio-Vertrag nicht raus kommt oder Ärger mit einer Erstattung bei Reisemängeln hat – es gibt so viele Themen, so viele Missstände. Im Anschluss an den Fall wird es in der Sendung zukünftig ein Expertengespräch geben. Rat und Tipps kommen dann von Anwälten, Verbraucherschützern oder anderen Experten.

Seit 2004 gibt es "defacto" im hr-fernsehen. Aus dem ursprünglichen Politikmagazin wird schnell ein Gesellschaftsmagazin mit verbrauchernahen Themen. "Anfangs haben wir gefragt 'Was macht Politik?', später dann 'Was bewirkt Politik, wie wirkt sie sich aus, was kommt davon bei euch an?'", sagt Robert Hübner. "Gesundheit ist ein großes Thema. Wenn es um Gesundheitshilfsmittel wie Rollstühle beispielsweise geht, sind das konkrete Auswirkungen der Politik." Es gebe aber auch Themen, die heute nicht mehr vorrangig seien. Bei Hartz IV zum Beispiel habe die Politik nachgebessert. "Eine Geschichte für 'defacto' muss Relevanz für den Zuschauer haben", sagt Jacqueline Paus, "man muss unter anderem vom Kleineren aufs Größere schließen können." Und: "Wir sind in Hessen für Hessen unterwegs, und wir sind das einzige Magazin, das aufzeigt, was in unserem Bundesland schief läuft." Angewiesen ist die Redaktion dabei auch auf die Zuschauer und Zuschauerinnen. "Wir bekommen viel Post", sagt Jacqueline Paus.

"Man hofft als Journalistin natürlich, dass man etwas verändern kann."

Eine besonders erschütternde Geschichte hat "defacto" im Bezug auf ein Altenheim recherchiert und aufgedeckt. Es geht um einen Fall unhaltbarer Zustände, der einen fassungslos macht. Ganz in bester Wallraff-Manier schleuste sich eine Reporterin in ein Altenheim ein. Der Tipp kam von einem Pfleger aus dem Heim. "Es war ein Pflegeheim mit sehr guten Noten", erzählt die Reporterin, die anonym bleiben möchte. "Es gab eine große Diskrepanz zwischen dem, was die Pfleger erzählt haben, und der offiziellen Bewertung, die bei 1,2 lag. Ich habe auf Fotos total verunreinigte Betten gesehen, Kakerlaken, einen nur notdürftig verbundenen Darmverschluss, das konnte alles nicht mit der guten Bewertung übereinstimmen."

Ich frage die Reporterin, ob sie in so einer Situation nicht einfach nur ratlos und frustriert ist. "Mich nimmt so etwas mit, ich knabbere schon an diesen Geschichten. Aber man hofft als Journalistin natürlich, dass man etwas verändern kann. In dem Fall hat sich aber leider langfristig kaum etwas geändert." Zwar sei die Heimaufsicht gekommen, aber die Heimleitung hatte eine Woche Zeit und konnte sich vorbereiten, so dass alles in Ordnung gewesen sei. Kurz darauf hätte es dann wieder ganz anders ausgesehen. Diese Undercover-Recherche war nicht ganz unkritisch für die Reporterin. "Es war schon ein Nervenkitzel, man will ja nicht auffliegen."

Die Reporterin weiß nicht, was sie schlimmer findet: was die alten Menschen erdulden müssen oder die Gleichgültigkeit oder Überforderung von Leitung und Personal. Ein Pfleger habe gesagt, man dürfe die Leute nicht betüteln, es sei schließlich kein Hotel. "Ich kann das nicht nachvollziehen. Und die Betroffenen tun mir natürlich wahnsinnig leid", sagt sie. Gut sei, dass der Beitrag ziemlich viel Aufsehen erregt habe. "Auch wenn sich konkret für diese Bewohner vielleicht nicht viel geändert hat, denke ich doch, dass sich langfristig mehr Zuschauer melden und auf solche Zustände aufmerksam machen. Das Schlimmste ist doch, wenn man das als Normalität abtut und irgendwann nicht mehr berichtet."

"Es geht um das Menschliche und um knallharte investigative Recherche."

Das "defacto"-Team ist redaktionell gut aufgestellt. Mehrere Kolleginnen kümmern sich um die Einsendungen der Zuschauer und bereiten die Fälle vor, die von Robert Hübner in der "Jetzt reicht's"-Rubrik dargestellt werden.

Bärbel Strunk, Ramona Petrov und Robert Hübner
Das "Jetzt reicht's"-Team: Bärbel Strunk, Ramona Petrov und Robert Hübner (von links) Bild © hr

Jeden Montag findet in Wiesbaden die Planungskonferenz statt. Dort werden alle Themen besprochen, über die "defacto" berichten könnte. Gemeinsam mit Studioleiterin Ute Wellstein entscheiden zwei Redakteurinnen und eine Planerin, welche Themen es in die aktuelle Sendung schaffen werden. Bis zu sechs Reporterinnen und Reporter kümmern sich im Anschluss um die Themen-Umsetzung. "Wir haben den Anspruch, etwas bewegen zu wollen und immer eine Lösung zu finden. Das geht nur, weil unsere Reporter und Reporterinnen an einem Thema dran bleiben können und Zeit zur Recherche haben – im Sozialbereich, im Umweltbereich, im Kampf mit den Behörden", sagt Jacqueline Paus. Für die Redakteurin ist es die perfekte Mischung: "Es geht um das Menschliche und um knallharte investigative Recherche. Ich kenne kein anderes Magazin, das das so macht."

In Zukunft also noch mehr "defacto" im hr-fernsehen, jeden Montagabend eine Dreiviertelstunde lang. Moderator Robert Hübner hat auch nach fast 15 Jahren noch jede Woche große Lust auf die Sendung. "'defacto' ist ein gutes Magazin, in dem Themen stattfinden, die jeden Bürger dieses Landes betreffen können. Es ist für mich nach wie vor etwas Besonderes, diese Sendung zu machen."

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"defacto" ab 11. September um 20:15 Uhr im hr-fernsehen
Direkt zur Internetseite von "defacto"
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