Arbeiten im hr-Studio Wiesbaden
Bild © hr/Ben Knabe

Thomas Kreutzmann arbeitet als Fernsehjournalist für den Hessischen Rundfunk im ARD-Studio in Berlin. Er schildert, wie man als "Hauptstadtkorri" das Wahljahr 2017 erlebt.

Berlin ist eine Stadt des Gleichmuts. Oder der Gleichgültigkeit, die sich als Toleranz tarnt. Schon längst spielen die Terroropfer vom Weihnachtsmarkt keine große Rolle mehr in der Öffentlichkeit. Umso angespannter ist das bundespolitische Berlin rings um die große Glaskuppel des Reichstagsgebäudes. Angela Merkel hat erklärt, dass sie und die Union sich nicht am verbalen Aufrüsten im Wahljahr beteiligen. Doch die AfD dürfte die Tonlage bis zur Bundestagswahl am 24. September weiter verschärfen.

Uns Journalisten der ARD stellt das vor besondere Herausforderungen. Seit ihren Anfängen erklärt die AfD die ARD zu ihrem medialen Gegner. Das führte im Januar sogar zu einem Ausschluss der zuständigen ARD-Hauptstadtkorrespondentin von der Berichterstattung über ein Treffen europäischer Rechtspolitiker. Wir müssen bei jedem solcher Vorgänge mit kühlem Kopf prüfen, wie und in welchem Umfang wir unter solchen Bedingungen berichten können.

Ich selbst berichte nicht über die AfD, denn sie gehört nicht zu meinen Ressorts. Wohl aber die SPD. Als ich nach meinen ersten Hauptstadtkorrespondentenjahren 2004 bis 2010 Anfang 2017 zum zweiten Mal nach Berlin kam, erwartete ich von der SPD eigentlich nicht allzu viel Aufregendes. Doch dann kam wieder einmal der schwer einzuschätzende Sigmar Gabriel. Wir ahnten bereits, dass er vielleicht Martin Schulz als Kanzlerkandidat Platz machen würde; aber nicht, welcher große Kabinettsumbau damit verbunden sein würde; und ebenso wenig, dass Gabriel erst zwei Printmedien informieren würde, und dann erst seine Parteigremien.

Nachrichtenfabrik im Superaktualitätsmodus

Ich bereitete an dem Nachmittag einen Beitrag für eine 20-Uhr-Tagesschau über den Staatsakt für den verstorbenen Roman Herzog vor, als der "Stern" über Internet und Twitter exklusiv mit dem Gabriel/Schulz-Wechsel herauskam. Nach einem abrupten gemeinschaftlichen Luftholen springt in einem solchen Augenblick die "Nachrichtenfabrik Hauptstadtstudio" in den Superaktualitätsmodus: Raus aus dem Schneideraum, die Treppen hinauf gespurtet, zwei Stufen auf einmal, schnelles Treffen bei Studioleiterin Tina Hassel. Klar, wir machen einen "ARD-Brennpunkt" um 20.15 Uhr! Wer übernimmt die Redaktion? Welcher Studiogast soll kommen? Welche Beiträge? Ein Rädchen greift ins andere, Informationen werden präzise und schnell ausgetauscht.

Fernsehkorrespondent Thomas Kreutzmann im ARD-Hauptstadtstudio
Fernsehkorrespondent Thomas Kreutzmann Bild © ARD-Hauptstadtstudio/Reiner Freese

Obwohl ich erst seit kurzem wieder da bin, darf ich mich an einem Gabriel-Psychogramm versuchen. Ich habe ihn seit 2005 viele Male direkt auf der Bundes- und Landesebene erlebt. Zweieinhalb Stunden Schnittzeit habe ich für den zweieinhalb Minuten-Film, für den nur wenige Bilder und Original-Töne vorliegen. Das ist "sportlich" und bringt einiges an Anspannung bis zur Fertigstellung. Vier Minuten vor Sendebeginn ist es geschafft!

Danach noch um 20.45 Uhr zum Hintergrundgespräch mit der Bundesarbeitsministerin. Ich komme wegen des "Brennpunkts" später, treffe aber noch Bundestagsabgeordnete und einen Gewerkschaftsvorsitzenden. Es geht um die SPD – aber auch um die Lebenssituation von Geringverdienern. Hier spricht man nicht nur über politische Karrieren, sondern auch darüber, was die "große Politik" für das Leben der Menschen bedeutet.

Am nächsten Morgen um neun brummt die Maschinerie dann wieder. Das ARD-Mittagsmagazin will Reaktionen zu Gabriel. Und ich weiß: Ähnlich "dicht gepackt" dürfte das Wahljahr 2017 weiter gehen, und vor allem: Im Jahr eins von Präsident Trump zeichnet sich eine neue Weltordnung ab. Langweilig wird es nicht – schon gar nicht, falls nach der Wahl dann sieben statt bisher fünf Parteien im deutschen Bundestag vertreten sein sollten.

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