Ein Mann geht mit seinem Fahrrad durch eine zerstörte Straße im ukrainischen Mariupol (AP)

Die Lage im ukrainischen Mariupol spitzt sich offenbar dramatisch zu. Es fehlt an Hilfslieferungen, beide Seiten werfen sich vor, die Fluchtkorridore zu blockieren. Unterdessen berichtet die Ukraine von einem russischen Angriff auf Belarus.

Die Situation in der südostukrainischen Stadt Mariupol verschlechtert sich nach Angaben von Behörden zusehends. Die Versorgung der eingeschlossenen Einwohner sei kritisch, sagte ein Sprecher des ukrainischen Innenministeriums. Es sei etwa unklar, ob acht Lkw mit humanitärer Hilfe heute den südlichen Teil der Stadt erreichen würden.

Ein Vertreter des Internationalen Kommitees des Roten Kreuzes (IKRK) hatte bereits gestern von der dramatischen Lage in der Hafenstadt berichtet. Die Menschen harrten ohne Strom, Wasser und Lebensmittel aus. "Die Leute haben angefangen, sich um Essen zu schlagen. Andere haben das Auto eines anderen zerstört, um Benzin abzuzapfen", beschrieb Sascha Wolkow die Situation in einer Audionachricht.

Wie der Vize-Bürgermeister Serhij Orlow im ARD-Mittagsmagazin berichtete, befindet sich Mariupol unter Dauerbeschuss. "Ich weiß nicht, wie ich die Zerstörungen in unserer Stadt beschreiben soll. Die Stadt existiert eigentlich nicht mehr. Die Bilder von Grosny und von Aleppo - so sieht Mariupol im Augenblick aus", sagte Orlow. Die ukrainische Armee sei "sehr tapfer", aber gegen die Luftangriffe der russischen Armee hätten die Soldaten keine Waffen, um das Leben der Zivilisten zu schützen.

Gegenseitige Anschuldigungen

Ein Berater des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj warf den russischen Truppen vor, Zivilisten nicht aus der Stadt herauszulassen. In den vergangenen Tagen waren Versuche, Menschen über Fluchtkorridore aus der Stadt zu bringen, immer wieder gescheitert.

Die russische Nachrichtenagentur Tass zitierte den Donezker Separatistenführer Denis Puschilin, der seinerseits "ukrainischen Nationalisten" vorwarf, die Fluchtkorridore aus Mariupol zu blockieren. "Wir sehen keine Anzeichen dafür, dass die Nationalisten-Bataillone Zivilisten aus der Stadt lassen." Puschilin sprach demnach von einer "terroristischen Taktik", welcher sich die ukrainischen Kampfbataillone bedienten. Wie das russische Verteidigungsministerium mitteilte, nahmen die von Russland unterstützen separatistischen Kämpfer die Stadt Wolnowaha, nördlich von Mariupol, ein. Es ist nicht möglich, die Angaben unabhängig zu prüfen.

Angriffe auf Dnipro, Sorge um Odessa

Luftangriffe des russischen Militärs wurden erneut auch aus der Industriestadt Dnipro im Zentrum der Ukraine gemeldet. In einem Video, das die Nachrichtenagentur UNIAN veröffentlichte, ist ein Feuerball und Rauch über schneebedeckten Dächern zu sehen. Es habe Einschläge in der Nähe eines Kindergartens und eines Wohngebäudes gegeben, bestätigte ein Berater des Innenministeriums. Mindestens ein Mensch sei getötet worden. Dnipro war bislang von größeren russischen Angriffen verschont geblieben.

Sorgen macht sich die Ukraine zudem um die südliche Hafenstadt Odessa. Diese könnte nach Angaben ihres Bürgermeisters Gennadii Truchanow von russischen Truppen an drei Fronten vom Land her eingekreist werden. Dann könnte Odessa vom Rest der Ukraine abgeschnitten sein. Zudem könnten vom Meer aus russische Landungsschiffe eingesetzt werden.

"False Flag"-Angriff auf Belarus?

Zudem berichten ukrainische Medien von einem mutmaßlichen russischen Luftangriff auf belarusisches Territorium. Demnach hat laut ukrainischer Luftwaffe ein russischer Kampfjet vom ukrainischen Luftraum aus eine belarussische Siedlung an der Grenze angegriffen. Dies sei ein Versuch, einen Vorwand zu schaffen, um Belarus in den Krieg hineinzuziehen, heißt es. Auch diese Angaben konnten von unabhängiger Seite nicht überprüft werden.

Angriffe auf Kiew in den nächsten Tagen wahrscheinlich

Trotz der Kampfhandlungen stockt nach ukrainischer Darstellung offenbar derzeit der russische Vormarsch in der Ukraine. Die Truppen hätten nach Darstellung von Selenskyjs Berater in den vergangenen 24 Stunden keinen Boden gutgemacht. "Unser Gegner wurde in praktisch allen Richtungen durch Luftangriffe, Raketenbeschuss und Angriffe vom Boden gestoppt", sagt Olexii Arestowytsch. Die ukrainischen Truppen hätten in der Hauptstadt Kiew und nahe Charkiw im Osten Gegenangriffe ausgeführt.

Dabei konzentrieren sich die russischen Streitkräfte momentan offenbar darauf, weiter zur ukrainischen Hauptstadt vorzudringen. Ihr Ziel ist es laut ukrainischem Generalstab, die Verteidigungsanlagen bei Kuchari 90 Kilometer nordwestlich von Kiew sowie bei Demidow, 40 Kilometer nördlich der Stadt, zu durchbrechen.

Experten der britischen Regierung halten Angriffe russischer Truppen auf die ukrainische Hauptstadt Kiew in den kommenden Tagen für wahrscheinlich. Das geht aus einer Einschätzung des Verteidigungsministeriums in London hervor. "Russland wird wohl versuchen, seine Kräfte neu aufzustellen für erneute Offensiven in den kommenden Tagen. Das wird wahrscheinlich auch Militäraktionen gegen die Hauptstadt Kiew einschließen", hieß es darin.

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