Blick auf die verhüllte Figurendarstellung People's Justice (2002) des Kollektivs Taring Padi. (dpa)

Der Antisemitismusskandal der documenta hat den Bundestag erreicht. Der sonst beschauliche Ausschuss für Kultur und Medien befasste sich mit der Ausstellung. Es ging um viel Geld, Kontrolle und Verantwortung. Von K. Palzer.

Die Verärgerung ist Claudia Roth von den Grünen schon vor Beginn der Sitzung anzumerken. Nicht nur, dass die documenta-Chefin Sabine Schormann nicht zur Anhörung im Ausschuss erschienen ist, weil sie erkrankt ist - auch der Kasseler SPD-Oberbürgermeister Christian Geselle ist nicht dabei. Geselle ist Aufsichtsratsvorsitzender der documenta, hat aber entschieden, dass die Haushaltsberatungen in Kassel wichtiger sind als der Bundestagsausschuss. Die Vertreterin der CDU/CSU, Gitta Connemann, nennt das "skandalös" und scheint nicht die Einzige im Saal zu sein, die es so sieht.

Roth sieht "Versagen in der Planung"

Roth, als Kulturstaatsministerin zuständig, betont gleich zu Beginn der Befragung, dass sie persönlich erschüttert und entsetzt über die Ereignisse sei. Sie sieht ein "Versagen in der Planung" der documenta und fordert, dass das enttäuschte Vertrauen wieder hergestellt werden müsse.

Offenbar geht es Roth darum, dem Ausschuss klarzumachen, dass sie selbst keine Schuld treffe. Schließlich habe sie - nachdem bereits im Vorfeld der documenta vage Antisemitismusvorwürfe laut wurden - immer wieder nachgefragt, ob es auch wirklich keinen Anlass für Antisemitismus auf dieser documenta gäbe. Mehrmals sei ihr dies versichert worden. Darauf habe sie vertraut, und nur deshalb habe sie "die documenta gegen Angriffe verteidigt und ihren Freiraum geschützt". Roth bleibt dabei, dass sie keine "Kulturpolizei" sei, die Freiheit der Kunst aber Grenzen habe.

Gleichzeitig wirkt die Kulturstaatsministerin bemüht, Schaden vom eigenen Amt abzuwenden. Denn sie betont, dass seit 2018 - damals noch unter Kulturstaatsministerin Monika Grütters von der CDU - der Bund sich aus dem Aufsichtsrat der documenta zurückgezogen habe. Was blieb, war die finanzielle Unterstützung. Klare Botschaft von Roth jetzt: Wir werden in Zukunft nicht mehr zahlen, wenn wir nicht einbezogen sind.

3,5 Millionen Euro gehen über die Kulturstiftung des Bundes an die documenta. Roth fordert nun eine Strukturreform bei der weltweit beachteten Kunstausstellung. Komme die nicht, droht sie zumindest indirekt mit finanziellen Folgen. "Es wäre ein Drama, wenn es an nicht vorhandenen Strukturreformen scheitern würde."

"Das hätte niemals passieren dürfen"

Unterstützung bekommt Roth von der hessischen Ministerin für Kunst und Wissenschaft, Angela Dorn. Die Grüne betont, dass die aus ihrer Sicht eindeutigen antisemitischen Motive auf den Werken der Künstlergruppe "Taring Padi" so nicht auf der documenta hätten gezeigt werden dürfen. "Das hätte niemals passieren dürfen". Dorn weist aber auch darauf hin, dass die künstlerische Leitung der Ausstellung nicht bei der Generaldirektorin Schormann liegt, sondern beim kuratierenden Künstlerkollektiv "ruangrupa".

Immerhin, ein Vertreter dieser Gruppe ist im Ausschuss anwesend. Der Künstler und Mitbegründer Ade Darmawan bittet um Entschuldigung "für den Schmerz und die Angst, den diese antisemitischen Elemente in den Figuren und Zeichnungen bei all denjenigen hervorgerufen haben, die sie gesehen haben." Darmawan sagt auch, dass das Abhängen des Gemäldes "der einzige richtige Schritt" war, verwahrt sich aber gegen Vorwürfe von Antisemitismus. Diese seien falsch und unbegründet, es gebe auch keinen stillen Boykott gegen jüdische Künstler bei der documenta.

"Judenhass in reinster Form"

Der Vertreter des Zentralrates der Juden, Daniel Botmann, fordert mehr. Er findet, die documenta müsse komplett neu gedacht werden und beklagt, dass niemand die Verantwortung für die antisemitische Darstellung - "einen Judenhass in reinster Form", wie er ihn sich so nie hätte vorstellen können - übernehme. Klar fordert Botmann den Rücktritt der documenta-Direktorin Schormann. Sie sei eine "Zumutung im Amt" - und in Kassel sei man nicht bereit, sich mit der ganzen Misere auseinanderzusetzen. Da die Beteiligten aus Kassel nicht anwesend und auch nicht zugeschaltet waren, gab es dazu keine Widerrede.

Was bleibt, ist der Versuch, den Schaden zu begrenzen, den die documenta auf jeden Fall erlitten hat. Nur abseits wird darüber gesprochen, warum nicht schon vor der Eröffnung aufgefallen ist, welche antisemitischen Motive dort gezeigt wurden. Niemandem scheint aufgefallen zu sein, dass nicht - oder nicht ausführlich genug - über die besondere Verantwortung und Sensibilität Deutschlands bei Antisemitismus gesprochen wurde. Offenbar fehlte Kommunikation mit der kuratierenden Künstlergruppe aus Indonesien. Aber es fehlte auch die Erkenntnis, dass man diese Motive auf einem zentralen Platz in Deutschland nicht - oder zumindest nicht ohne Erklärung und Einordnung - zeigen kann.

Bundestag soll über documenta debattieren

Das Gemälde  "People's Justice" war - bevor es auf der documenta gezeigt wurde - bereits in mehreren asiatischen Ländern ausgestellt worden, auch in Australien. "Für Deutschland aber hat es Grenzen überschritten," sagt die sozialdemokratische Vorsitzende des Bundestagsausschuss, Katrin Budde.

Anderthalb Stunden hätte der Ausschuss tagen sollen, am Ende waren es fast drei Stunden. Man nimmt den Beteiligten ab, dass sie eine Lösung für die Zukunft der documenta finden wollen, über der jetzt der Schatten des Antisemitismus hängt. Das aber hat der Ausschuss zunächst nicht geschafft.

Auf Antrag der CDU/CSU soll im Bundestag über die documenta und die Antisemitismusvorwürfe debattiert werden. Dabei fordert die Union, "die Bundesförderung und die Planungen für die nächste documenta so lange zurückzustellen, bis der Skandal aufgearbeitet und die entsprechenden Maßnahmen ergriffen wurden".

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