Lilo Lausch Stiftung Zuhören
Simone Groos ist die Programmleiterin des Projekts Lilo Lausch. Bild © Stiftung Zuhören

Die Elefantendame "Lilo Lausch", eine Handpuppe mit großen Ohren, setzt sich für die Wertschätzung sprachlicher und kultureller Vielfalt in Hessens Kitas ein. Dahinter steht das Bildungsprogramm der Stiftung Zuhören, das sich zur Aufgabe gemacht hat, eine wertschätzende Zuhörkultur zu etablieren. Projektleiterin Simone Groos erzählt im Interview, wie es gelungen ist, mehr als 1200 Fachkräfte aus acht Bundesländern zu schulen und erklärt, warum der hr, als Träger der Stiftung Zuhören, einen großen Teil dazu beiträgt.

Frau Groos, Sie sagen, Zuhören ist eine entscheidende Grundkompetenz. Warum ist Zuhören so wichtig, gerade für Kinder und Jugendliche?

Eltern gestalten die "Lilo Lausch Zeit" im Kinderhaus Schwalbacher Straße aktiv mit.
Eltern gestalten die "Lilo Lausch Zeit" im Kinderhaus Schwalbacher Straße aktiv mit. Bild © Stiftung Zuhören

Simone Groos: Hören beginnt mit der Verarbeitung von Schall. Das können Kinder schon im Mutterleib. Beim Zuhören geht es zudem darum, dem was ich höre, eine Bedeutung zuzuordnen und diese auch zu verstehen. Gerade für Beziehungen ist Zuhören entscheidend. Wenn wir nicht zuhören, entfernen wir uns voneinander und Beziehungen scheitern. Und auch für die Bildung ist Zuhören wichtig: 75 Prozent des Unterrichts in der Schule findet noch immer als Frontalunterricht statt. Das ist fordernd genug. Ein Kind, das Zuhören nicht gelernt hat, startet mit einem echten Defizit ins Schulleben. Aufgrund der permanenten Reizüberflutung in unserer Gesellschaft, fällt es vielen Kindern schwer, zuzuhören. Bei der Entwicklung von "Lilo Lausch" war es mir daher besonders wichtig, bei den Kleinsten zu beginnen und sie für das Zuhören zu sensibilisieren. Die Basiskompetenz wirkt sich positiv auf den Spracherwerb und die Sprachfähigkeit von Kindern aus und trägt somit von Anfang an zu gelingender Verständigung und Integration bei.

Das Bildungsangebot "Lilo Lausch" erreicht bundesweit inzwischen mehr als 35.000 Kinder und Ihre Familien. Eine echte Erfolgsgeschichte. Worauf führen Sie das zurück?

Die "Lilo Lausch Materialbox".
Die "Lilo Lausch Materialbox". Bild © Stiftung Zuhören

Simone Groos: Die Entwicklung des Projekts am Bedarf der Kitas auszurichten ist der wesentliche Erfolgsfaktor. Wir haben gemeinsam mit Erzieher*innen gezielt geschaut: Was brauchen Kitas und welche Materialien sind wirklich wirkungsvoll. Dieser bedarfsorientierte Ansatz ist immer die Basis für unsere Projekte. Wir sind 2012 als Pilotprojekt mit 40 pädagogischen Fachkräften in 20 Kitas in Wiesbaden gestartet und haben das Konzept ausführlich in der Praxis erprobt. Auch unsere Materialkiste mit Büchern und CDs in über 50 verschieden Sprachen, wurde in der Praxis getestet. Die interessierten Kitas können auf einen großen Erfahrungsschatz zurückgreifen und sich an vielen Best-Practice Beispielen orientieren. 

Ganz konkret, wie und von wem wird das Projekt "Lilo Lausch" in der Praxis umgesetzt?

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zum Video Lilo-Lausch - Zuhören verbindet

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Simone Groos: Wir bieten Fortbildungen für pädagogische Fachkräfte in Kitas und im Übergang zur Grundschule an. In der zweitägigen Basisfortbildung erlernen sie die Methodik, Didaktik und die praktische Umsetzung von "Lilo Lausch", erhalten die mehrsprachigen Materialien und können ihr Wissen anschließend in Vertiefungsseminaren erweitern. Das Seminar "Hörstücke selbst gestalten" ist beispielsweise sehr gefragt. Diese Fortbildungen finden übrigens auch hier im Hessischen Rundfunk statt. Die Elemente können die Fachkräfte regelmäßig in der  "Lilo Lausch Zeit" sowie im Kita-Alltag selbst umsetzen. Wichtig ist dabei, dass die Fachkräfte auch ihr eigenes Zuhörverhalten reflektieren und verstehen, unter welchen Bedingungen sie selbst und Kinder gut zuhören können. Kinder hören gerne zu, wenn sie nicht zu vielen Reizen ausgesetzt sind und merken: Mir wird auch zugehört.

Stichwort interkulturelle Kompetenz – die Mehrsprachigkeit ist ein wichtiger Baustein des Projekts, richtig?

Was klingt denn da? "Lilo Lausch Zeit" im Kinderhaus Schwalbacher Straße.
Was klingt denn da? "Lilo Lausch Zeit" im Kinderhaus Schwalbacher Straße. Bild © Stiftung Zuhören

Simone Groos: Mehrsprachigkeit in den Kitas ist ja inzwischen der Regelfall und pädagogische Fachkräfte fragen sich oft, wie sie Kinder und Eltern erreichen können, die kein oder nur wenig Deutsch sprechen und verstehen. Deshalb beinhaltet Lilo Lausch zahlreiche Anregungen, wie sprachliche- und kulturelle Vielfalt als Ressource einbezogen werden können. In Kooperation mit hr2-kultur, haben wir zum Beispiel das Kinderbuch "Wer hat mein Eis gegessen?" mit Versen in über 50 Sprachen entwickelt, welches sich dazu eignet, Eltern mit geringen Deutschkenntnissen dazu einzuladen, sich mit ihren Sprachkenntnissen aktiv an der "Lilo Lausch Zeit" zu beteiligen. Das ist uns ganz wichtig. Die Eltern fühlen sich gleich viel mehr wertgeschätzt, weil sie mit ihrer Sprache als Experten einbezogen werden. Auch wenn viele Eltern zunächst ein wenig irritiert sind, weil sie es nicht kennen, haben pädagogische Fachkräfte die Chance, eine Beziehung aufzubauen. Unser Motto ist: Jeder kann etwas und wir lernen von- und miteinander.

Welche Wirkungen beobachten Sie bei den Kindern, die an diesem Projekt teilnehmen?

Simone Groos: Wenn die Kinder merken "Meine Sprache wird hier anerkannt und ist wertvoll", trauen sie sich auch, mehr Deutsch zu sprechen. Das macht ihnen Mut und gibt ihnen mehr Selbstvertrauen. Unser Anliegen ist es ja, die Sprachkompetenzen der Kinder zu verbessern und sie in ihrem Gefühl von Selbstwirksamkeit zu stärken. Aber auch Kinder, deren Muttersprache Deutsch ist, werden offen und neugierig gegenüber anderen Sprachen. Unsere Welt ist ja nun mal bunt und vielfältig – das ist die Botschaft, die in Lilo Lauscht steckt.

Das Projekt wird wissenschaftlich von der Universität Gießen begleitet. Warum ist eine solche Evaluierung so wichtig?

Im Sitzkreis wird gemeinsam das Zuhören geübt.
Im Sitzkreis wird gemeinsam das Zuhören geübt. Bild © Stiftung Zuhören

Simone Groos: Für uns ist ganz wichtig zu wissen, welche Wirkung unsere Projekte haben. Sowohl für die inhaltliche Weiterentwicklung als auch für die Gewinnung weiterer Förderer und Partner, müssen wir uns darüber klar sein: Was ist gut und sollte beibehalten werden und was müssen wir verändern und verbessern? Bei dem großen Angebot an Sprachförderprogrammen ist eine wissenschaftliche Evaluierung für die Gewinnung von neuen Förderern von großer Bedeutung. Auch die Kitas müssen ja gegenüber den Eltern legitimieren, warum sie sich gerade für unser Angebot entschieden haben.

Der hr ist einer der Stifter – sozusagen Gründer und Kooperationspartner. Wie wichtig ist die Zusammenarbeit mit dem hr für Ihre Stiftung?

Simone Groos: Für uns ist diese Zusammenarbeit von sehr großer Bedeutung. Wir sind sehr dankbar, dass wir auf dem Gelände des hr unser Projektbüro haben und die nötige Infrastruktur nutzen können. Unter anderem sind auch hr-Medienpädagogen*innen als Referenten für unsere Projekte tätig und bieten Fortbildungen an Kitas und Schulen an. Sie sind also für die praktische Umsetzung vor Ort verantwortlich und wertvolles Bindeglied zwischen der Stiftung und den pädagogischen Fachkräften vor Ort. Die Mitarbeiter im Controlling unterstützen uns immer wieder ehrenamtlich, wenn es um die Themen Buchhaltung und Finanzen geht. An dieser Stelle vielen Dank dafür.

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Die Stiftung Zuhören

Die Stiftung Zuhören setzt sich für eine zuhörfreundliche Gesellschaft ein und fördert das Zuhören in Bildung, Kultur, Medien und Wirtschaft. Mit medienpraktischen Projekten und medienpädagogischen Angeboten, wie den „Hörclubs“ und „Lilo Lausch“, stärkt sie insbesondere Kinder und Jugendliche auf ihrem Bildungsweg und bietet pädagogischen Fachkräften ein vielfältiges und praxisnahes Fortbildungsprogramm.  Basierend auf wissenschaftlichen Erkenntnissen der Zuhörforschung trägt die Stiftung Zuhören zu gelingender Verständigung, Bildungsgerechtigkeit und gesellschaftlicher Teilhabe bei. Mit ihrem Programm „Lilo Lausch“ fördert die Stiftung Zuhören eine wertschätzende Zuhörkultur in Kindertagesstätten und Familien, die von Achtsamkeit geprägt ist und sprachliche Vielfalt als Chance versteht. Das Programm wurde unter Leitung von Prof. Dr. Norbert Neuß der Universität Gießen mit 40 pädagogischen Fachkräften wissenschaftlich evaluiert und in seiner Wirksamkeit bestätigt. Weitere Informationen: www.lilolausch.de oder unter www.stiftung-zuhoeren.de

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