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Beengte Zimmer, Schimmel, Fäkalien an der Decke – Tausende Frankfurter Bürger werden von der Stadt teilweise jahrelang in heruntergekommenen Hotels untergebracht.

Aufgrund des angespannten Wohnungsmarktes, des Mangels an Sozialwohnungen und des Zuwachses an Einwohnern, werden bedürftige Bürger von der Stadt zum Teil über Jahre in dubiosen Hotels und Pensionen untergebracht. Die Stadt zahlt privaten Anbietern jährlich einen Millionen-Betrag für die Einquartierung. Beispielsweise kostet ein einzelnes Zimmer für eine dreiköpfige Familie im Monat allein 3.000 Euro. Das haben Recherchen des hr-Landesmagazins „defacto“ ergeben. Rechtsanwälte und Wohnungsbauexperten sind empört.

FRANKFURT. Derzeit leben 2.500 Personen, die keine bezahlbare Wohnung finden und von der Obdachlosigkeit bedroht sind, in fragwürdigen privaten Unterkünften auf Kosten der Stadt. Betroffen sind unter anderem Hartz IV-Empfänger, alleinstehende Frauen, aber auch anerkannte Geflüchtete. Das Sozialdezernat bestätigt „defacto“ gegenüber, dass auch etliche Familien mit Kindern so untergebracht seien.

In einem von „defacto“ recherchierten Fall teilen sich 52 Personen eine einfache Küche im Untergeschoss eines früheren Büro- und Wohnkomplexes. Diese Küche besteht nur aus drei einfachen elektrischen Kochplatten. Es gibt dort weder Stauraum, noch Spülmaschinen, noch Kühlschränke, so dass die Nahrungsmittel aus den Zimmern zum Zubereiten heruntergetragen werden müssen und dann zum Essen wieder herauf.

Wie „defacto“ herausgefunden hat, werden vor allem Hotels aus dem unteren Preissegment als Übergangsunterkünfte von der Stadt genutzt. Durchgelegene Matratzen, verschimmelte Wände und technische Defekte sind ein häufiges Problem. Die Hotels wurden schon in der Vergangenheit auf Bewertungsplattformen als „schmutzig und heruntergekommen“ kritisiert.

Dabei erhalten die Betreiber viel Geld von der Stadt für die Unterbringung. Recherchen des hr haben ergeben: Für eine dreiköpfige Familie kostet ein Zimmer von ca. 20 Quadratmetern rund 3.000 Euro im Monat. Das Sozialdezernat bestätigt: Allein im vergangen Jahr hat die Stadt 21,2 Millionen Euro für die Unterbringung von Personen, die von Wohnungslosigkeit bedrohten sind, ausgegeben. Diese Summe umfasst sowohl die Unterbringung in privaten Hotels als auch in Wohnheimen der freien Träger der Wohlfahrtspflege. Die Kosten für die Unterbringung von nicht-anerkannten Asylbewerbern sind darin noch nicht enthalten. Zählt man diese noch dazu, kommt man auf 56,4 Millionen Euro.

Eigentlich soll die Unterbringung temporär erfolgen. Nach „defacto“-Informationen verbleiben allerdings manche Personen mehrere Jahre in diesen Übergangsunterkünften. Die Stadt Frankfurt schreibt dazu auf Anfrage: Generell werde es „für wohnungslose Menschen immer schwieriger, wieder eine Wohnung zu finden. (…) Beim Amt für Wohnungswesen sind rund 10.000 Haushalte registriert, die eine Sozialwohnung suchen.“

Aus einem Magistratsbericht, der „defacto“ vorliegt, geht hervor, dass eine Familie 4,5 Jahre in einem solchen Hotelzimmer leben musste. Gespräche mit mehreren Bewohnern und Rechtsanwälten zeigen, dass dies kein Einzelfall ist. Die Frankfurter Sozialrechtsanwältin Anke Hens berichtet im „hr“-Interview von einer alleinstehenden Frau, die mit ihrer Tochter, „annähernd sechs oder sieben Jahre in einer solchen Unterkunft gewohnt“ habe. Dabei hätten ihr weder eine eigene Küche, noch ein eigenes Badezimmer zur Verfügung gestanden. „Sie müssen sich das so vorstellen, da sind Menschen, auch teilweise Drogenabhängige (…  das ist ein gewisser Umstand, der auch unangenehm ist, besonders für eine Mutter mit einer Tochter, die gerade mal 14 Jahre alt ist und in einem solchem Umfeld aufwachsen muss.“

Professor Dr. Volker Eichener, Wohnungsbauexperte und Politikwissenschaftler der Hochschule Düsseldorf spricht von einem Skandal: „Das ist der verzweifelte Versuch, auf wohnungspolitische Versäumnisse der letzten Jahre zu reagieren. Es wurden einfach zu wenige Sozialwohnungen gebaut.“

Der Stadtverordnete und wohnungspolitische Sprecher der Partei „Die Linken“, Eyup Yilmaz, kritisiert die Stadtregierung dafür, man hätte von dem Geld besser Wohnungen bauen sollen: „Die Bindungen laufen nach 15 bis 20 Jahren aus. Und wenn man schaut, in den letzten 20 Jahren sind Sozialwohnungen halbiert worden.“ Darüber hinaus kritisiert Yilmaz, dass die Stadt besser kontrollieren sollte, in welche Art der Unterkünfte sie Wohnungssuchende vermittele und wer die Betreiber dieser Hotels seien.

„Defacto“ strahlt den Beitrag morgen um 20.15 Uhr im hr-fernsehen aus.