Eine Packung Antibiotika

Antibiotika retten vielen Menschen das Leben. Doch eine Klasse dieser Medikamente, sogenannte Fluorchinolon-Antibiotika, kann dramatische Nebenwirkungen haben.

Auf Anfrage des hr-Wissenschaftsmagazins „Alles Wissen“ hat das Wissenschaftliche Institut der AOK mit Unterstützung vom „Zentrum Infektionsmedizin“ des Universitätsklinikums Freiburg erstmals berechnet, wie oft es zu Nebenwirkungen kommt. Demnach ist davon auszugehen, dass allein im Jahr 2018 mehr als 40.000 Menschen von schweren Nebenwirkungen wie Rissen der Hauptschlagader oder einem  Sehnenriss  betroffen waren. Bis zu 140 Menschen sind an den Nebenwirkungen gestorben. Die Experten gehen allerdings von einer hohen Dunkelziffer aus, da die Nebenwirkungen oft erst Monate später auftreten. Außerdem wurden bisher noch nicht alle Nebenwirkungen quantitativ in Studien erfasst.

Weitere mögliche Nebenwirkungen der Fluorchinolone sind Sehnenentzündungen, Muskelschwund, schwere Leberschäden, starke Schmerzen am ganzen Körper, chronisches Erschöpfungssyndrom, Angstzustände, Depressionen bis hin zum Selbstmord. Im letzten Jahr wurden laut Schätzungen der AOK 3,3 Millionen Patienten in Deutschland Fluorchinolone verschrieben, einigen mehrfach. Die Fluorchinolon-Antibiotika gehören zu den sogenannten Reserve-Antibiotika und sollen eigentlich erst dann genutzt werden, wenn andere Mittel nicht helfen. Wie hoch die Anzahl der Menschen ist, die durch die Mittel geschädigt wurden, war bisher nicht bekannt.

Die Fluorchinolon-Antibiotika stehen schon seit Langem in der Kritik. Elf Vertreter dieser Medikamentenklasse wurden bereits wegen schwerer Nebenwirkungen vom Markt genommen. Wiederholt gab es Warnhinweise an alle Ärzte in Deutschland per „Rote-Hand-Brief“. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte hat im April dieses Jahres in einem weiteren „Rote-Hand-Brief“ die Ärzte erneut vor Nebenwirkungen der Fluorchinolone gewarnt und Anwendungsbeschränkungen ausgesprochen. Eine Kontrolle über die Umsetzung gibt es allerdings nicht.

Über das Thema berichtet das hr-fernsehen heute Abend ausführlich um 20.15 Uhr in „Alles Wissen“.

Michael Draeger

Pressereferent hr-fernsehen und hessenschau
Michael Draeger
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