Das Schild einer Kleingartenanlage in Wiesbaden, im Hintergrund ist das Gelände des US-Militärstützpunktes zu sehen.

Die Schadstoff-Belastung rund um den US-Militärstützpunkt in Wiesbaden ist offenbar größer als bisher vermutet. Bei neuen Messungen hat das städtische Umweltamt nach Informationen des Politikmagazins "defacto" im hr-fernsehen die per- und polyfluorierten Chemikalien (PFC) jetzt auch in einer Kleingartenanlage nachgewiesen, die im Norden direkt an die Airbase grenzt.

Erhöhte Werte wurden sowohl im Boden als auch im Grundwasser entdeckt. Betroffenen Pächtern rät die Stadt nun "dringend", vorerst kein Obst und Gemüse mehr anzubauen und das Brunnenwasser nicht zu verwenden. "Diese dringenden Empfehlungen werden aus Gründen der Gesundheitsvorsorge ausgesprochen", heißt es in einem Schreiben.

Die giftigen Schadstoffe stammen wahrscheinlich aus dem Löschschaum, den die Feuerwehr der US-Armee seit den 1970er Jahren auf ihrem Gelände einsetzt, früher oft zu Übungszwecken. Die Kontamination mit den PFC ist erstmals im Februar dieses Jahres öffentlich bekannt geworden. Aufgrund der Berichterstattung des Hessischen Rundfunks und anderer Medien haben die Stadt Wiesbaden und das Regierungspräsidium Darmstadt ihr Messprogramm ausgeweitet. Zwar existieren für die Chemikalien keine konkreten gesetzlichen Grenzwerte, das Umweltbundesamt gibt aber für einzelne, besonders giftige PFC-Stoffe wie PFOS, PFOA und PFHxS einen empfohlenen Leitwert für Grundwasser von 0,1 µg/l an. In der Kleingartenanlage wurden im Brunnenwasser 0,71 µg/l PFHxS gemessen, im Boden 2,8 µg/kg PFOS.

Wiesbadens Umweltdezernent Andreas Kowol (B'90/Grüne) zeigt sich im hr-Interview überrascht, dass eine PFC-Belastung nun auch in der Kleingartenanlage aufgetreten ist. Der Schaden verlaufe "entgegen der Fließrichtung" des Grundwassers. Er vermutet deshalb neben dem schon bekannten ehemaligen Löschübungsplatz der Feuerwehr auf dem US-Gelände eine zweite Schadstoffquelle. "Wir haben die Amerikaner ausdrücklich gebeten, zu recherchieren, ob es irgendwelche Brandvorfälle gab, wo dann Löschschaum eingesetzt worden ist, vielleicht auch sehr große Mengen Löschschaum. Und das wäre dann zum Beispiel eine Erklärung, warum an anderer Stelle auch eine Belastung von Boden und Grundwasser auftritt."

Die PFC-Belastung in der Kleingartenanlage ist bisher nur in einer Parzelle gemessen worden. Das Regierungspräsidium Darmstadt schreibt auf hr-Anfrage, dass es die Analysen auf weitere Kleingärten ausweiten will. "Aufgrund der Ergebnisse (...) leitet das Regierungspräsidium jetzt dort kurzfristig eine genauere Untersuchung des Grundwassers und des Bodens ein."

Die Internationale Krebsagentur der Weltgesundheitsorganisation stuft PFC als "möglicherweise krebserregend" für den Menschen ein. Die Stoffgruppe steht außerdem im Verdacht, die Fruchtbarkeit negativ zu beeinflussen. Laut Umweltbundesamt lagern sich die Chemikalien im menschlichen Körper ein, sie sind biologisch kaum abbaubar. Die Industrie schätzt die PFC-Stoffe besonders wegen ihrer wasser-, schmutz- und fettabweisenden Eigenschaften. Die Chemikalien tauchen unter anderem in Kaffeebechern, Sofabezügen, Outdoor-Kleidung und im Backpapier auf. Besonders zahlreich sind sie außerdem in älteren Löschschäumen von Feuerwehren.

Michael Draeger

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