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Die Buchautorin Sandra Roth, Mutter eines mehrfach behinderten Kindes, sprach zur ARD-Themenwoche Gerechtigkeit im hr3-Sonntagstalk mit Bärbel Schäfer über das Thema Inklusion.

Menschen, die starren oder wegschauen – beides begegnet Sandra Roth regelmäßig, wenn sie mit ihrer Tochter Lotta, die im Rollstuhl sitzt, die Straße entlang geht. Die Autorin wünscht sich einen selbstverständlicheren Umgang mit Behinderten. „Anstarren macht man nicht, also guckt man weg. Viele tun so, als wär‘ meine Tochter unsichtbar.“ Sie wünscht sich, dass die Menschen „das Kind sehen, nicht den Rollstuhl“.

Info: Der Grund für Lottas Einschränkungen: Eine Ader in ihrem Kopf hat sich in der Schwangerschaft nicht richtig ausgebildet – „Vena galeni Malformation“ heißt der medizinische Fachbegriff. Die Wahrscheinlichkeit dieser Fehlbildung liegt bei 1:25.000.

Lotta kann nicht sehen, nicht sprechen, nicht laufen, nicht kauen. Aber Lotta ist auch entzückend und charmant, ihr sitzt der Schalk im Nacken. „Wir sehen ja meistens immer erst mal das, was derjenige nicht kann, wenn wir einen Menschen mit Behinderung anschauen, und vergessen darüber, was er alles kann“, sagte Lottas Mutter. Sie ergänzte: „Sind Sie jemand, der mit jedem Kind schäkert? Dann machen Sie das mit meinem Kind auch. Sind Sie aber jemand, der nie mit Kindern redet, dann auch nicht mit dem, nur weil es behindert ist", sagte Sandra Roth.

Die 41-Jähre sagte in hr3: „Ich träume von einem selbstbestimmten Leben für meine Tochter in einer inklusiven Gesellschaft, die ihr das auch ermöglicht. Selbstbestimmt heißt nicht selbstständig. Jemand wie meine Tochter, der wird immer Assistenz brauchen. Aber ich möchte, dass sie selber bestimmt, wer sie duscht, was sie aufs Brot bekommt. Ich möchte nicht, dass sie nach Dienstplänen verwaltet wird sondern dass sie ein Leben hat wie wir alle auch, und an allem auf was sie Lust hat, teilnehmen kann – und zwar auch ohne mich.“

„Wir haben bei der Inklusion noch einen weiten Weg vor uns“

In Deutschland muss sich, laut Sandra Roth, noch vieles für behinderte Menschen verbessern. Zum Beispiel seien „zwei von drei Arztpraxen nicht barierrefrei, die kann ich nicht besuchen.“ Im Ausland sei man da weiter, etwa in den USA. „Sie können in New York die Hand herausstrecken, und dann hält ein Rollstuhl-Taxi. Hier müssen Sie sich zwei Wochen vorher anmelden. Es fühlt sich einfach anders an. Wenn vor einem Laden da eine Rampe ist, fühlt man sich willkommener.“ Man benötige in deutschen Schulen „größere Klassen, kleinere Klassenzimmer, eine verpflichtende Lehrer-Weiterbildung, um sie nicht alleine zu lassen, eine Doppelbesetzung bei Lehrern“.

Sandra Roth sagte in hr3: „Es ist von der Behinderungsart abhängig, ob Kinder auf eine inklusive Schule gehen. Bei Kindern mit Körperbehinderung hat sich das in zehn Jahren UN-Behindertenrechtskonvention nicht geändert, bei Kindern mit geistiger Behinderung sind mehr Kinder in eine Förderschule gegangen, als vor der Konvention. Das heißt: Wir haben bei der Inklusion noch einen weiten Weg vor uns.“

Der Talk als Sendung und Podcast

Das gesamte Gespräch von Bärbel Schäfer mit Sandra Roth zur ARD-Themenwoche Gerechtigkeit steht unter hr3.de als Podcast zur Verfügung.

Sebastian Hübl
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