Jochen Brühl, Vorsitzender der Tafel Deutschland e. V.

Jochen Brühl, Vorsitzender der Tafel Deutschland e. V., sagte im heutigen „hr3-Sonntagstalk“ mit Bärbel Schäfer zur Zahl der Tafel-Nutzer in Deutschland: „Die Zahl der Bedürftigen steigt."

Jochen Brühl sagte in hr3: „Zum Beispiel ist die Zahl der bedürftigen Rentner innerhalb eines Jahres um 20 Prozent angestiegen auf jetzt 430.000 Menschen.“ Er ergänzt: „Es ist zu befürchten, dass in 20 Jahren jeder fünfte Rentner von Armut bedroht ist.“

Innerhalb eines Jahres ist die Anzahl der Menschen, die die Angebote der Tafeln nutzen, um zehn Prozent gestiegen. Aktuell kommen 1,65 Millionen Menschen regelmäßig zu den Tafeln. Die Zahlen stammen aus einer Erhebung vom September dieses Jahres.

Jochen Brühl erklärte: „Tafeln bringen Lebensmittelrettung, Unterstützung von Armutsbetroffenen und ehrenamtliches Engagement zusammen. Das ist in dieser Form in Deutschland einzigartig. […] Wir sind Lobbyisten für Arme. Wir klagen an und sind ein Spiegelbild, dabei zeigen wir, was in der Gesellschaft nicht funktioniert.“

Lebensmittelverschwendung und Klimaschutz

Die Tafel verteilt in Deutschland jährlich 264.000 Tonnen an Lebensmitteln, etwa 68 Mal so viele Lebensmittel landen jährlich auf dem Müll. Weltweit werden 1,3 Milliarden Tonnen Lebensmittel verschwendet.

Jochen Brühl sagte dazu in hr3: „Wir müssen Lebensmitteln wieder den Wert zurückgeben. Das geht einfach nicht. Wir kaufen zu viel ein, denn es steht immer alles zur Verfügung, zu jeder Zeit.“ Sein Tipp an die Verbraucher: „Gehe nie ohne Einkaufszettel in den Laden. Kaufe das, was du brauchst.“ Außerdem fange so auch der „Klimaschutz im eigenen Kühlschrank“ an.

Vereinsamung ist ein gesellschaftliches Problem

Jochen Brühl erklärt: „Armut heißt, dass man nicht teilhaben kann an der Gesellschaft. Das Gefühl, abgehängt zu sein, führt bei vielen Menschen zu einer großen Belastung.“ Er fügte hinzu: „Eines der Hauptthemen – heute noch mehr in der nahen Zukunft, ist die Vereinsamung – nicht nur bei armen Menschen, sondern auch insgesamt in der Gesellschaft.“

Für viele Tafel-Nutzer gehe es um viel mehr als um Lebensmittel. Jochen Brühl berichtet: „Ein Obdachloser hat mir gesagt, dass er natürlich zur Tafel kommt, weil er leckeres Essen bekommt. Er kommt aber auch, weil der Handschlag mit mir der einzige Körperkontakt im ganzen Jahr ist.“

Außerdem wiederholten sich viele Armutsbiografien in Familien. „Armut vererbt sich, weil Kinder aus der Schleife nicht herauskommen“, sagte er.  

In hr3 erklärte Jochen Brühl zum Beispiel: „Es gibt Lehrer, die fragen nach den Sommerferien nicht mehr in ihrer Klasse: Wo seid ihr im Urlaub gewesen? Viele Familien können sich das nicht leisten.“

Der Talk als Sendung und Podcast

Das gesamte Gespräch von Bärbel Schäfer und Jochen Brühl steht unter hr3.de als Podcast zur Verfügung.

Sebastian Huebl, Pressereferent

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