Sascha Lobo

„Zehn Lehren aus der Gegenwart“ verspricht Sascha Lobo im Untertitel seines neuen Buches „Realitätsschock“. Wie er im Live-Interview mit hr-iNFO-Redakteur Jan Tussing auf der Frankfurter Buchmesse zugibt, bietet er darin „verstörend wenig Vorschläge, was man tun kann“. Es gehe zunächst darum, die drängenden Probleme des 21. Jahrhunderts zu erkennen und zu benennen.

Die „Erzählung“, dass China ein „Social Credit“-System aus lückenloser Videoüberwachung, Gesichtserkennung und künstlicher Intelligenz weitgehend zur ‚Serienreife‘ gebracht habe, sei inzwischen allgemein bekannt, so Lobo, und werde „im Westen“ als besorgniserregend verstanden. Wenn man aber die „Digitalität und die Messbarkeit des Verhaltens“ von Menschen im öffentlichen Raum betrachte, sei die Lage in Europa durchaus nicht weniger problematisch. Er zitiert im Gespräch mit Jan Tussing eine Umfrage, aus der hervorgehe, dass „75 Prozent der Berlinerinnen und Berliner sagen: ‚Videoüberwachung finde ich total super‘, ohne zu wissen, was diese Systeme alles können.“ Dazu gehöre neben Gesichtserkennung auch „Gangerkennung“ und in der Konsequenz letztlich auch die KI-gestützte Prognose möglicher Straftaten. Diese Techniken „werden zum Teil auch im Westen angewandt“.

"Liberale Demokratien sind nicht so stabil, wie wir gedacht hatten"

Unter anderem in den Umständen, die zur Wahl von Donald Trump führten, sieht Lobo Indizien dafür, „dass liberale Demokratien nicht so stabil sind, wie wir gedacht hatten.“ Hetze und Hass habe es zuvor auch schon gegeben, Soziale Medien bewirkten aber die „Verstärkung von bestimmten Effekten“, eine Art digitalen Rechtsruck. Zwar drehe sich die Welt seit der Erfindung des World Wide Web „messbar nicht“ schneller, aber die Frage, ob das Internet zur Überforderung der Menschen beitrage, beantwortet Lobo mit einem „Doppel-Ja mit Royal Sternchen“. Er selbst sei „24 Stunden“ im Internet, verneint aber die Frage, ob er sich als „Internet-Junkie“ sehe: „In dem Wort ‚Junkie‘ finde ich mich in keiner Dimension wieder. Es gebe ein „Zuviel von allem, aber das mache ich nicht an der Dauer fest.“ Ausschlaggebend sei der Inhalt dessen, was man konsumiere „und die Rückwirkung auf die Person“.

Digitale Probleme erfordern (auch) analoge Lösungen

Bezugnehmend auf das Anti-CDU-Video des Youtubers Rezo, betont Lobo, dass schon jetzt erdrutschartige Veränderungen in der realen Welt durch digitale Phänomene ausgelöst werden: „Es ist völlig undenkbar, dass ein harscher Leitartikel in der FAZ dieselbe Wirkung hat“, und mit letzterem könne eine Partei, „die das 20. Jahrhundert ziemlich gut verstanden hat“ eben viel eher umgehen. Lobo plädiert in hr-iNFO für eine unverstellte Sicht: „Ich schaue mit einer digitalen Brille auf die Welt. Aber nicht nur auf das Internet. Wir merken, dass der Klimawandel ein Problem von jetzt ist und von hier. Es ist kein Internet-Problem.“

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Informationen und Podcast zu "Das Interview"

Das ganze Gespräch mit Sascha Lobo sendet hr-iNFO am Samstag, 19. Oktober. Alle Sendetermine, Podcast und weitere Informationen unter www.hr-inforadio.de

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