Jan Böhmermann

In der hr-iNFO-Sendung „Das Interview“ spricht der Moderator und selbsternannte „Quatschvogel“ über Comedy, „Cancel Culture" und durch soziale Medien ausgelösten „Mikrowahn“. Sein schwieriges Verhältnis zur SPD ist ebenso Thema wie sein „öffentliches geheimes Tagebuch“ bei Twitter.

Rund 2,2 Millionen Follower hat Jan Böhmermann bei Twitter, aber Reichweite allein sei „niemals der Maßstab“, ist der 39-Jährige überzeugt. Rund 25.000 Tweets hat er in elf Jahren abgesetzt, die besten davon erscheinen jetzt in Buchform. „Gefolgt von niemandem, dem du folgst“ ist auch literarischer Rückblick auf ein Jahrzehnt, in dem die Zeiten rauer geworden sind – und Twitter auch: „Es sinkt so langsam ein, dass das ein Medium ist, das etwas mit unserer Wirklichkeit macht.“

Parallelwirklichkeit und „Mikrowahn“

Böhmermann stellt fest, dass soziale Medien von den Feinden der Demokratie intensiver genutzt werden als von ihren Fürsprechern – wie kürzlich beim so genannten Sturm auf den Reichstag. Ein „Mikrowahn" habe sich so verstärkt, „dass eine Art Parallelwirklichkeit entstanden ist und die dachten, sie hätten jetzt gewonnen. Donald Trump würde gleich vom Himmel steigen und ihnen Absolution erteilen, der Friedensvertrag ist unterzeichnet, Deutschland ist jetzt ein Reich, und sie könnten jetzt den Reichstag stürmen."

Cancel Culture - „ein herbeigejammertes Phänomen"

Mit Blick auf die Kabarettistin Lisa Eckhart, deren Auftritte wegen eines als antisemitisch kritisierten Bühnenprogramms zum Teil abgesagt wurden, meint Böhmermann: „Dieses herbeigejammerte Phänomen Cancel Culture - da habe ich eigentlich relativ wenig Mitleid, wenn man da jetzt so eine Opferinszenierung von der Kabarettbühne herunter startet. Vor allen Dingen, wenn der Grund dafür ist, dass man Gegenwind bekommt, weil man  mit dem Anspielen von antisemitischen Ressentiments im eigenen Publikum sich den ganz billigen Applaus versucht zu ziehen. Da muss man einfach wirklich mit leben, das tut mir echt leid."

 „Die schmerzhafteste Aktion überhaupt“

„Ab und zu spüre ich diese dusselige Notwendigkeit, mich politisch zu äußern“, und „das wurde immer schlimmer, je mehr es in der Welt anfing zu brennen. Ich bin doch eigentlich Komiker, ein Quatschvogel – warum ist hier so eine Ernsthaftigkeit?“ 2019 bewarb er sich ernsthaft um den SPD-Vorsitz, um Olaf Scholz als Parteichef zu verhindern. Er habe von der Sozialdemokratie erwartet, „dass man vielleicht mal ein paar migrantische Positionen integriert, dass man mal progressiv denkt. Stattdessen setzt man eben auf eine pragmatische Figur wie Olaf Scholz." Die Bewerbung um den SPD-Vorsitz sei seine „schmerzhafteste Aktion überhaupt" gewesen, "weil das so viel in mir berührt hat, und wirkliche Verzweiflung".

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hr-iNFO "Das Interview" mit Jan Böhmermann (Interviewer: Christoph Scheffer)
Mittwoch, 9. September 2020 um 19:35 Uhr

hr-iNFO "Das Interview" mit Jan Böhmermann steht ab sofort hier als Podcast bereit.

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Christian Arndt


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