Dr. Heinz-Dieter Sommer, Hörfunkdirektor des Hessischen Rundfunks

Auf der einen Seite komme sein Abschied nach über 30 Jahren beim Hessischen Rundfunk „genau zur richtigen Zeit“, sagt der scheidende hr-Hörfunkdirektor. Wenngleich er ihm, vor allem menschlich gesehen, auch schwerfällt. Denn in einem Abschiedsgespräch mit Heinz Sommer wird deutlich: Sein Abschied vom hr ist vor allem ein Abschied von den Menschen.

Man könnte ihn Tausendsassa nennen. Er selbst würde sich wahrscheinlich eher als Fragensteller bezeichnen – das habe er im Studium von seinem Professor gelernt und nie vergessen; alles verstehen zu wollen. Sich diese Neugier zu erhalten, sei vielleicht sein Geheimnis gewesen, sagt Dr. Heinz-Dieter Sommer, um den breit aufgestellten Zuständigkeitsbereich des hr-Hörfunkdirektors erfolgreich zu verantworten. Bis jetzt, "denn was jetzt kommt – der Medienwandel – verlangt Medienmacher, die sich im digitalen Umfeld hervorragend auskennen. Und das ist nicht mehr meine Welt. Und das will ich auch nicht."

Alles, was geht

Dr. Heinz-Dieter Sommer 1995

"Alles, was geht" habe er im Radio gemacht, sagt Heinz Sommer. Musikredaktion, Interviews, Reportagen, Hörspiele – alles wollte er selbst ausprobiert haben. "Und deshalb konnte ich immer einschätzen: Was muss man machen. Mir konnte, wenn man das so sagen darf, beim Radio niemand was vormachen." Und das hat auch keiner: Seit August 1995 hatte der die Position des Hörfunkdirektors beim Hessischen Rundfunk inne. Und das, obwohl seine Pläne früher einmal ganz anders aussahen, erinnert sich Heinz Sommer: "Ich hatte nie vor, zum Radio zu gehen." Studiert hat der inzwischen 64-Jährige nämlich Musikwissenschaft, darin auch promoviert. Doch vielleicht kann man es Schicksal nennen, was ihn dann zum Radio brachte, dem Medium, dem später sein Herz gehören würde. Denn: "Als ich fertig wurde, 1984, gab es aber mal gerade drei Stellen. Eine beim evangelischen Gesangbuch in Kassel, eine in der Musikpädagogik in Frankfurt und eine als Landesmusikredakteur in Bielefeld. Vom Radio hatte ich null Ahnung, habe mich aber trotzdem einfach mal beworben. Genauso auch bei den beiden anderen Stellen." Geklappt hat es dann letztlich beim WDR, und der Schritt in die ARD war gegangen. "So kam ich zum Radio. Und dann haben das Radio und ich und ich und das Radio uns gegenseitig entdeckt", erinnert sich Sommer. Zwei Jahre blieb er im Regionalstudio Bielefeld, in dieser Zeit habe er "alles gemacht, was man machen konnte, und alles gelernt, was man brauchte."

"Ich bin dem hr unendlich dankbar."

Heute, 36 Jahre später, blickt er zurück auf eine ereignisreiche Zeit beim Radio, bei der ARD, beim Hessischen Rundfunk. Wenn man Heinz-Dieter Sommer nach Höhepunkten fragt, dann sind es keine Positionen, die er hervorhebt, kein Ruhm um ihn persönlich, es sind viel eher Veränderungen, die "seinem" Radio gutgetan haben, auf die er bis heute stolz ist: "Früher war das Ressort-Bewusstsein vorherrschend. Und ich sehe es als meine Leistung im Hessischen Rundfunk an, dass es gelungen ist, das zu transformieren: Dass wir alle in einer Welle und über die Welle hinaus für das Ganze verantwortlich sind. Und dass Erfolg des einen nicht geht ohne den Erfolg des anderen." In seine Zeit gefallen sei "der Wandel des Mediums Radio – dass wir das Radio als Gesamtkunstwerk begriffen haben." Dass er das habe managen dürfen, darauf ist Heinz Sommer stolz. Und dankbar ist er auch: "Ich hatte eine tolle Zeit, habe tolle Menschen kennengelernt, hatte tolle Aufgaben. Ich konnte vieles verwirklichen, auch mich selbst – ob das mit Hörspielen oder mit dem Orchester gewesen ist. Ich bin dem Hessischen Rundfunk unendlich dankbar, dass ich all das machen konnte."

Den Leidenschaften zum Genuss widmen

Brille und Haarfarbe haben sich seit 2003 geändert, der Blick nicht.

Dass er sich seinen großen Leidenschaften, der Musik und dem Hörspiel, nun nur noch zum Genuss widmen kann, darauf freut er sich sehr. Die Umstellung beim Schreiben von Hörspielen werde dabei nicht so groß sein. Wenn er bei Konzerten nun nur noch Besucher sei, schon: "Beim Hörspiel war ich schon immer in einem Team tätig, umgeben von gleichberechtigten Teamplayern, da bin ich Mitspieler. Bei den Klangkörpern war das was anderes, die waren in meinem Verantwortungsbereich." Und zwar einer, auf den er stolz ist: "Ich glaube, es weiß jeder im Haus, dass die Klangkörper mir ganz besonders viel bedeuten. Das hängt auch damit zusammen, dass es gelungen ist, sie in den vergangenen 25 Jahren in eine Liga zu bringen, in der sie absolute Spitze sind. Sie sind einfach Weltklasse. Der YouTube-Channel unseres Orchesters hat inzwischen über 170.000 Abonnenten, damit ist er weltweit der drittstärkste Kanal eines Orchesters." Den Abschied von den Mitgliedern von Bigband und Sinfonieorchester hat Heinz Sommer schon hinter sich gebracht – mit einem Lächeln auf den Lippen und ein wenig Schmerz im Blick sagt er: "Dit is schon nich janz einfach jewesen."

Niederlagen und Gestaltungsspielraum

Über 30 Jahre war Dr. Heinz-Dieter Sommer beim hr. Hier ist er 2005 abgelichtet.

Dass Heinz Sommer sich im Hessischen Rundfunk so verwirklichen konnte, hatte vielleicht auch etwas mit einem Moment in seiner Karriere zu tun, der sich erst einmal wie ein Tiefpunkt anfühlte: "Jedenfalls in dem Moment habe ich die verlorene Intendantenwahl 2002 natürlich als Niederlage begriffen. Später habe ich da anders drüber gedacht." Denn so sei er freier gewesen, habe aber dennoch Gestaltungsspielraum gehabt. "Deswegen war das eigentlich, glaube ich, für mein Naturell und für meine Interessen die bessere Lösung."

Sein ganz persönlicher "Umzug" aus dem aktiven Berufsleben als Radiomacher komme für ihn genau zur richtigen Zeit, "denn ich kann zufrieden und glücklich auf mein Berufsleben zurückblicken, ich hatte tolle berufliche Jahre. Und was jetzt kommt – der Medienwandel – verlangt Medienmacher, die sich im digitalen Umfeld, in den sozialen Medien und all diesen Dingen hervorragend auskennen. Und das ist nicht mehr meine Welt. Und das will ich auch nicht."

"Ich brauche keine Reden, ich brauche keine Politik"

Dr. Heinz-Dieter Sommer

Anders sieht es mit der menschlichen Ebene aus. Eine hilfsbereite Visagistin in der Maske, die ihm spontan helfen möchte, einen Knopf anzunähen, ein Fahrbereitschaftsleiter, mit dem er sich über die Überquerung der Alpen austauscht, ein Geschäftsleitungskollege, der spontan bei "Anita" mit einstimmt: "Diese kleinen Dinge, die werden mir wirklich fehlen. Es gibt so viele tolle, tolle Menschen im hr. Die Zugewandtheit, die Fürsorge untereinander, das ist für mich der Hessische Rundfunk." Und deshalb ist Heinz Sommer auch traurig über seinen Abschied. "Und zwar, weil ich mich gerne von den Menschen im Hessischen Rundfunk verabschiedet hätte, und das ist durch Corona nicht möglich." Ein Fest sollte es geben auf seinem geliebten Plattenhof – dem Innenhof des Funkhauses am Dornbusch, wo er abends gerne saß und ein Glas Wein zum Feierabend trank. "Ich brauche keine Reden, ich brauche keine Politik, aber dass ich mich nicht persönlich verabschieden kann, das tut mir weh, da bin ich traurig."

In einem Interview mit Heinz Sommer sagte der Dirigent des hr-Sinfonieorchesters Andrés Orozco-Estrada 2013, manchmal sei es das beste Zeichen, wenn das Publikum am Ende still ist. Sommer pflichtet bei: "Der Bravo-Ruf am Ende ist nicht unbedingt immer das richtige." Und so sagt auch der Hessische Rundfunk nun etwas ruhiger als geplant "Tschüss" zum scheidenden Hörfunkdirektor Dr. Heinz-Dieter Sommer, oder, wie Intendant Manfred Krupp es formuliert: "Aus tiefstem Herzen Dankeschön!"

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