Europa Open Air des hr-Sinfonieorchesters und der Europäischen Zentralbank 2019

Am 9. und 10. September leitet Alain Altinoglu seine Antrittskonzerte als neuer Chefdirigent des hr-Sinfonieorchesters in der Alten Oper Frankfurt. Doch sein erstes Geld verdiente er mit fünfzehn Jahren als Pianist in Paris. Wer ist eigentlich der Franzose mit den armenischen Wurzeln, der nun zwischen Paris, Frankfurt und Brüssel pendeln wird? Wir haben mit dem begeisterten Fußball-Fan über seine Leidenschaften gesprochen. 

Ein guter Arbeitstag beginnt für mich mit …  

Alain Altinoglu: Ein guter Arbeitstag fängt mit einem Orchester an. Ein sonstiger guter Tag mit einem Frühstück mit meiner Familie.  

Mein erstes Geld verdiente ich mit … 

... einer Operette. Ich war fünfzehn Jahre alt und spielte den Pianopart in der Oper in Paris. Es war ein kleines Orchester mit nur zwölf Musikern, und ich habe den ursprünglichen Pianisten ersetzt, allerdings nur für eine Vorstellung. Der Titel der Operette war "La rose de noel", auf Deutsch "Die Weihnachtsrose", sie war sehr beliebt damals. Ich machte zwar viele Fehler, aber ich habe auch sehr viel gelernt bei dieser Arbeit. Mit sechzehn habe ich dann angefangen, Klavierunterricht zu geben und auch mehr und mehr Klavierbegleitung für Sängerinnen und Sänger gemacht. 

Weitere Informationen

Info

Mit Beginn der Saison 2021/22 hat Alain Altinoglu die musikalische Leitung des hr-Sinfonieorchesters Frankfurt übernommen. Regelmäßig gastiert er bei den renommierten amerikanischen und europäischen Orchestern. Zweimal war Altinoglu bereits bei den Berliner Philharmonikern zu Gast. Seit 2016 leitet er als Musikdirektor das Brüsseler "Théâtre Royal de la Monnaie". Der 1975 in Paris geborene Franzose mit armenischen Wurzeln studierte am Pariser Conservatoire National Supérieur de Musique et de Danse, an dem er seitdem auch selbst unterrichtet und seit 2014 die Dirigierklasse leitet.

Ende der weiteren Informationen

Mein Lieblingssitznachbar während eines Langstreckenfluges wäre ... 

Ich habe zwei Antworten: eine persönliche und eine professionelle. Die persönliche wäre: Ich würde gerne neben meiner Mutter sitzen. Sie starb, als ich zwölf Jahre alt war. An sie hätte ich viele Fragen, zumal ich jetzt Vater eines 15-jährigen Sohnes bin. Die professionelle wäre: Ich würde gerne neben Maurice Ravel sitzen, weil ich seine Musik liebe. Er hat nicht viel zu seiner Musik geschrieben, er sprach nicht viel über sein Werk. Wir haben nur seine Meisterwerke, aber wir wissen leider nichts über den Prozess dorthin. Also hätte ich viele Fragen an ihn wie: Wer waren seine Auftraggeber, warum hat er dies oder jenes Werk so gestaltet etc. Das wäre bestimmt ein interessantes Gespräch.   

Die Zeit vergesse ich, … 

... wenn ich Noten studiere, wenn ich Schach spiele und wenn ich Fußball schaue (Paris Saint-Germain). 

Ich verreise nie ohne …

 ... mein Smartphone und ein Buch. 

Mein aktuelles Buch auf dem Nachttisch heißt … 

Porträt Alain Altinoglu

Während des Lockdowns habe ich endlich den Roman "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" von Marcel Proust angefangen. Den wollte ich schon so lange lesen, endlich hatte ich die Zeit dafür. Aber ich bin leider immer noch nicht fertig damit (lacht). Ich habe eigentlich immer zwei Sorten Bücher auf dem Nachttisch: zum einen sehr spezielle Bücher über Musik, zum Beispiel gerade einen Roman über Ravel, das ist sozusagen für den Job. Und dann habe ich noch ein Buch angefangen, das meine Frau gerade las: "Betty" von Tiffany McDaniel. Auf Französisch hat es 700 Seiten, ein tolles Buch über ein junges Mädchen, das in den Fünfziger Jahren in den Appalachen als eines von acht Kindern eines Cherokee-Vaters und einer weißen Mutter aufwächst und mit den brutalen Geheimnissen der Familiengeschichte konfrontiert wird.  

Heimat ist für mich … 

Paris. Es ist der Ort, an dem ich mich wohlfühle und wo meine Familie ist. An dem ich entspannen kann, indem ich meine Hobbies ausüben kann. Ich koche sehr gern, das kann ich hier im Hotel leider nicht.

In meinem Lebenslauf steht nicht, … 

... dass ich als Barpianist gearbeitet habe. Als ich siebzehn Jahre alt war, habe ich mir damit Geld verdient. Ich habe Popsongs gespielt in einer Bar nahe Paris. Mit fünfzehn habe ich das auch schon gemacht, aber das war nicht für Geld. Da habe ich zwei Stunden lang gespielt, und dann hat der Barchef mir einen Espresso angeboten. Ich war so dankbar: "Oh wow, ein Espresso umsonst! Soll ich weiterspielen?" 

Die beste Entscheidung in meiner beruflichen Laufbahn war, ... 

... ein Dirigent zu werden. 

Was war früher Ihr liebstes Schulfach? 

Mathematik, ich habe es sogar kurz mal studiert. Ich hatte natürlich auch Deutschunterricht. Aber da saß ich in der letzten Reihe und habe lieber mit meinem Sitznachbarn unter dem Tisch Schach gespielt. Heute bereue ich das natürlich. Ich hätte mal lieber besser in Geschichte, Deutsch und Englisch aufgepasst. Diese Sachen brauche ich heutzutage viel mehr in meinem Beruf als Mathe (lacht).  

Wofür würden Sie mitten in der Nacht aufstehen? 

Als wir gerade unser Haus gekauft hatten, bin ich manchmal nachts aufgestanden und habe Klavier gespielt. Das hat mir Spaß gemacht, ein Haus ist so ein Unterschied zu einer Wohnung: Man kann laut sein! Ich wollte damals einfach nur mal das Gefühl haben, dass ich mitten in der Nacht Klavier spielen kann und keiner beschwert sich.  

Was macht Ihnen an Ihrem Job am meisten Spaß? 

Die Beziehung und der Austausch mit so unterschiedlichen Menschen. Was mich auch reizt, ist, dass man in diesem Job immer ein Problem lösen muss. Du musst immer eine Lösung finden, manchmal sehr schnell. Und dass man den Zugang hat zu absoluten Meisterwerken und großen Komponisten. Das ist unersetzlich.  

Welche Musik hören Sie neben Klassik?

 Jazz, French Pop, zum Beispiel Charles Aznavour. Und mein Sohn bringt mich manchmal dazu, auch Rap zu hören.