Sabine Mieder, Petra Boberg und Christina Sianides (von links nach rechts)
Sabine Mieder (Fernsehen), Petra Boberg (Hörfunk) und Christina Sianides (Online) (von links nach rechts) Bild © hr/Patrick Brückel

hr-Redakteurinnen aus unterschiedlichen Bereichen haben gemeinsam an einem umfangreichen Rechercheprojekt zum Thema Kindesmisshandlung gearbeitet. Das Thema ist ab 14. Mai Schwerpunkt im Programm von hr-iNFO sowie Inhalt einer Multimediareportage und einer vom hr produzierten Dokumentation im Ersten.

Für Ihre Recherche zum Thema Kindesmisshandlung haben Sie exklusiven Zugang zu einer Studie der Hochschule Koblenz erhalten. Wie kam dieser Kontakt zustande?

Petra Boberg: Wir haben uns zunächst gefragt, wo es im Kontext Kinderschutz Schwachstellen gibt. Und da hat sich schnell herauskristallisiert, dass vor allem die Jugendämter, die Familiengerichte sowie die Kinderärzte eine große Rolle spielen.

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Die Dokumentation "Wenn Eltern ihre Kinder misshandeln" von den Autorinnen Christine Rütten, Dominik Nourney und Petra Boberg läuft am Montag, 14. Mai, um 20:15 Uhr im Ersten in der Reihe "Was Deutschland bewegt".

Links:
Online-Dossier bei hr-iNFO
Multimediareportage zum Thema
DasErste.de: "Wenn Eltern ihre Kinder misshandeln"

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Bei den Jugendämtern wollten wir vor allem die Innensicht eines Jugendamtes beleuchten, denn bislang wurde viel über Jügendämter gesprochen, aber nicht mit ihnen. Während der Recherche sind wir auf die Studie der Hochschule Koblenz über strukturelle Defizite in deutschen Jugendämtern aufmerksam geworden und haben Kontakt aufgenommen. Nachdem wir erklären konnten, woran wir arbeiten, haben wir exklusive Einblicke in die Studie erhalten. Auf Basis dieser wissenschaftlichen Untersuchungen haben wir uns dann die Realität in den Jugendämtern angeschaut.

Sie haben auch mit Familienrichterinnen und -richtern gesprochen, die auf eine eigene Überforderung hinweisen und damit öffentlich Kritik an den vorhandenen Strukturen äußern. War die Bereitschaft dazu sofort vorhanden?

Petra Boberg: Wir brauchten einen Türöffner und konnten während der Recherche Maud Zitelmann, Professorin für die Pädagogik der frühen Kindheit an der Frankfurt University of Applied Sciences, von unserer Arbeit überzeugen. Sie ist als Expertin für Kinderschutz unfassbar gut vernetzt und hat uns den Kontakt zu weiteren Ansprechpartnern und auch zu Familienrichtern hergestellt. Sobald ein Kollege erfährt, dass eine Kollegin oder ein Kollege sich ebenfalls äußern will, erhöht das die Bereitschaft, die eigenen Erfahrungen öffentlich zu machen.

Wie schwierig ist es, Opfer oder Täter zu finden, die von ihrem Erlebten berichten?

Sabine Mieder: Sehr schwierig, Kindesmisshandlung ist ein Thema, über das fast niemand offen redet, schon gar nicht Betroffene. Man hat es auch mit erschütternden Fällen zu tun.

Petra Boberg: Den Kontakt haben wir über Hilfsorganisationen hergestellt, die die Mädchen und Jungen betreuen. Wir mussten schriftlich zusichern, dass wir die Anonymität der Beteiligten wahren. Es hat alleine vier Monate gedauert, bis die Organisationen uns ermöglicht haben, mit Opfern sprechen zu können.

Und dann trifft man sich zu einem Vorgespräch?

Petra Boberg: Das wäre ideal, ist aber bei einem so sensiblen Thema gar nicht so leicht möglich, weil die Betroffenen oftmals große Angst und Schamgefühle durchleben. Ein Misshandlungsopfer ist zu einem Termin erschienen und hat mit uns gesprochen, zu einem Folgetermin kam sie dann nicht mehr.

Sind bei solchen Gesprächen dann Psychologen oder Betreuer anwesend?

Petra Boberg: Die Mitarbeiter der Hilfsorganisationen, die meist einen langen und intensiven Kontakt mit den Betroffenen haben aufbauen können, waren vor Ort. Wir haben uns auch in deren Räumlichkeiten getroffen.

Christina Sianides: Bei uns kam ein Vater, der seine Kinder schlägt, in die Redaktion. Der Kontakt entstand über einen Täterhilfeverein, eine Fachstelle zur Gewaltprävention. Sie bieten Coachings für Menschen an, die sich dort freiwillig melden oder dies als Auflage bekommen. Er selbst hat sich freiwillig in Absprache mit seiner Frau an diese Fachstelle gewandt. Seine Motivation an die Öffentlichkeit zu gehen war, anderen potentiellen Tätern die Ängste zu nehmen, sich Hilfe zu suchen.

Mehrere Monate Arbeit an einem erschütternden Thema, was macht das persönlich mit einem?

Petra Boberg: Das lässt einen auch als erfahrene Journalistin natürlich nicht kalt. Vor allem, wenn man sieht, dass viele Mängel im System seit Jahren bekannt sind, sich aber nichts tut.

Sabine Mieder: Wir haben uns bei unseren Recherchen immer auf die Frage konzentriert, was wir im Sinne der Kinder anstoßen können. Wir sind Journalistinnen und wollen nicht richten. Wir versuchen zu erzählen, was passiert ist und vielleicht dabei zu helfen die Strukturen, die Misshandlungen schnell aufdecken oder verhindern können, zu verbessern, indem wir ein Bewusstsein herstellen und eine gesellschaftliche Debatte anstoßen. Und das kann auch den schlagenden Eltern helfen. Denn die meisten werden nicht aus Sadismus zu Tätern, sondern weil sie überfordert sind.

Christina Sianides: Online wollten wir daher auch eine Hilfe- und Servicefunktion übernehmen. Wir können im Netz viel mehr abbilden, als das im Radio oder Fernsehen der Fall ist und Informationen zu Hilfestellen, auch für Eltern, die überfordert sind, anbieten. Es gibt heute sehr gute Präventionsangebote und je früher man sie nutzt, umso weniger wahrscheinlich ist es, dass man zum Täter wird. Dazu wollen wir einen Beitrag leisten.