Stephan Ernst (dargestellt von Robin Sondermann) steht nachts am Feldrand und beobachtet die Terrasse von Walter Lübcke aus der Ferne.

Vor eineinhalb Jahren wurde der Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke auf seiner Terrasse ermordet. Aktuell läuft der Prozess. Das hr-Dokudrama "Schuss in der Nacht – Die Ermordung Walter Lübckes" erzählt, wie es zu dem tödlichen Angriff kam und thematisiert Fragen, die vor Gericht nicht geklärt werden. Ein Gespräch mit hr-Redakteurin Esther Schapira und Autor Raymond Ley.

Am 1. Juni 2019 gegen 23:30 Uhr fällt der Schuss, der eine Zäsur in der Geschichte der Bundesrepublik bedeutet. In Wolfhagen-Istha wird in dieser Nacht der Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke ermordet, während nur wenige Meter weiter die Bewohner die jährliche Weizenkirmes feiern. Das hr-Dokudrama "Schuss in der Nacht – Die Ermordung Walter Lübckes" ist in der ARD-Mediathek abrufbar.

Ein Gespräch mit Esther Schapira, der Redakteurin des Films, sowie mit dem Regisseur Raymond Ley, der gemeinsam mit seiner Frau Hannah Ley das Drehbuch schrieb.

Der Prozess wird wohl in diesem Monat oder Anfang nächsten Jahres enden – bleibt der Film darüber hinaus aktuell?

Esther Schapira: Der Prozess urteilt über die juristisch nachzuweisende Schuld der Angeklagten. Unser Film aber verhandelt genau die Fragen, die vor Gericht nicht geklärt werden. Wir richten das Augenmerk auf die politische Dimension, die Verantwortung jener, die die Stimmung schüren, aus der heraus dann "Einzeltäter" wie mutmaßlich Stefan Ernst zur Waffe greifen. Und wir zeigen, welche Verantwortung jede und jeder einzelne trägt. Im Bürgersaal von Lohfelden haben viel zu viele geschwiegen, als Walter Lübcke niedergebrüllt und beleidigt wurde. Sie schwiegen aus Angst, aus Feigheit, aus Hilflosigkeit und haben so seinen Mörder ermutigt. Einmischen, streiten, den Hetzern laut und deutlich widersprechen. Das wird aktuell bleiben und an Bedeutung leider noch zunehmen, völlig unabhängig vom Ausgang des Prozesses.

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Hier können Sie den Film sehen:

Das hr-Dokudrama "Schuss in der Nacht – Die Ermordung Walter Lübckes" steht in der ARD-Mediathek zum Abruf bereit.

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Raymond Ley: Der Film stellt Fragen die keiner Aktualität unterworfen sind: Wer war das Opfer? Wie reagierte das Dorf, wie die Freunde, die Politik? Wie radikalisiert sich der mutmaßliche Täter? Wie kam der Impuls in seinen Kopf, dass Lübcke in seinen Augen „verantwortlich“ ist für die Flüchtlingskrise, den Zuzug von Geflüchteten? Warum machte sich der mutmaßliche Täter eine gesellschaftliche Stimmungen zunutze und steigerte sich in die Annahme hinein, dass es einen Bürgerkrieg geben wird – einen Kampf um die "weiße Vorherrschaft"? Für diese Betrachtung ist kein Urteil über das Strafmaß von Nöten.

Was zeichnet den Film aus?

Esther Schapira: Es war ein heikler Balanceakt, die dokumentarische und die fiktionale Ebene miteinander zu verweben. Ich bin beeindruckt davon, wie gut Raymond Ley und dem ganzen Team am Ende genau das gelungen ist. Nicht zuletzt dank der intensiven Darstellung des Stefan Ernst durch Robin Sondermann gelingt ein beklemmender Einblick in die verquere rechtsextreme Gedankenwelt. Aussagen von Weggefährten Walter Lübckes, aber auch von AfD-Anhängern und aus dem Umfeld des mutmaßlichen Täters sowie das Archivmaterial wiederum machen die politische, die atmosphärische Vorgeschichte des Mordes deutlich.

Die Produktionsbedingungen waren schwierig, welche Herausforderungen gab es?

Esther Schapira: Was die Produktionsbedingungen anging, war dies wohl der schwierigste Film, den ich je redaktionell zu verantworten hatte. Abgesehen von der Finanzierung mussten wir ständig das Drehbuch an die neuen Erkenntnisse zum Fall anpassen. Und dann kam Corona und damit der Stopp der Dreharbeiten wenige Tage vor Beginn des fiktionalen Drehs. Ein Albtraum!

Raymond Ley: Die Herausforderung bestand auch darin, das Motiv des mutmaßlichen Täters nüchtern zu betrachten, zu dechiffrieren und dabei die Würde des Opfers zu wahren, Walter Lübcke Raum zu geben, ihn in Facetten "entstehen" zu lassen. Ich komme aus Kassel und ich brauchte mehrere Besuche, um wieder in die Rolle des Filmemachers zu wechseln und aus diesem Blickwinkel auf Nordhessen zu schauen. Gerade mit diesem Thema hierher zurückzukommen, war für mich schwierig und auch sehr interessant, die Orte meiner Kindheit und Jugend in einem ganz anderen Licht zu erleben.

Was war die eindrucksvollste Begegnung für Sie während der Arbeit an dem Film?

Raymond Ley: Natürlich die postume Begegnung mit Walter Lübcke. Hier – ohne, dass ich ihn jemals getroffen habe – einen Menschen zu erleben, der für seine Haltung einstand und für den Demokratie, Freiheit, Menschenrechte etwas waren, das man leben musste.