Heike Borufka und Danijel Majic sitzen in einem schwarz ausgekleideten Studio und unterhalten sich.

Fast acht Monate dauert der Prozess um den Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke. Für den hr waren Gerichtsreporterin Heike Borufka und Danijel Majic dabei, wenn das Gericht über Schuld oder Unschuld des Hauptangeklagten Stephan Ernst verhandelte. Mit hr.de haben sie über ihre Arbeit gesprochen.

Frau Borufka, Sie berichten als Gerichtsreporterin für den hr regelmäßig von Prozessen, so auch vom Lübcke-Prozess. Wie können wir uns einen typischen Arbeitstag vorstellen?

Heike Borufka: Es gibt im Saal nur eine begrenzte Anzahl an Plätzen für Pressevertreter, und nur von einigen Plätzen kann man gut sehen. Das ist mir aber sehr wichtig, ich will die Interaktion zwischen den verschiedenen Parteien sehen, die Blicke und die Gesichtsausdrücke. Da die Plätze streng nach Reihenfolge vergeben werden bedeutet das für mich, dass ich möglichst früh da bin, manchmal um sieben, manchmal auch noch deutlich früher, um mich in die Schlange zu stellen. Der Prozess beginnt dann um 10 Uhr. Mittags gibt es eine Pause, die habe ich aber hauptsächlich genutzt, um einen ersten Zwischenbericht fürs Radio zu machen. Und dann gibt es natürlich noch die Berichte nach dem Ende des Prozesstages. Manchmal ging der Arbeitstag erst mit der späten "hessenschau" gegen 22 Uhr zu Ende.

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Programmhinweis

Das hr-Dokudrama "Schuss in der Nacht - Die Ermordung Walter Lübckes" ist jederzeit in der ARD-Mediathek abrufbar.

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Was hat den Prozess für Sie ausgezeichnet?

Heike Borufka: Ich halte den Lübcke-Prozess zusammen mit dem NSU-Prozess für einen der wichtigsten deutschen Strafprozesse. Und er war auch inhaltlich extrem dicht. Normalerweise hat so ein Prozess Längen, da wird viel verlesen. Das war hier nicht so.

Danijel Majic: Hätte man mir den Prozess so wie er lief vorher als Drehbuch vorgelegt, hätte ich gesagt, da sind zu viele Überraschungen drin, so etwas passiert in einem deutschen Strafprozess nicht. Ganz bezeichnend ist auch die zum Teil unrühmliche Rolle der Anwälte, vor allem der von Stephan Ernst, die das geschafft haben, dass der Prozess manchmal daran gekratzt hat, seine eigene Würde zu verlieren, was der Strafsenat immer wieder verhindert hat. Und was man aus dem Prozess gelernt hat ist, wie wenig Stephan Ernst und Markus H. (der Mitangeklagte, d. Red.) mit ihren Ansichten in ihrem Umfeld angeeckt sind. Ich finde es wichtig zu wissen, in was für einem Umfeld so ein Terrorismus gedeiht.

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Dossier auf hessenschau.de

hessenschau.de bündelt alles zum Lübcke-Prozess in einem umfangreichen Dossier.

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Neben der klassischen Berichterstattung hat der hr mit ein paar neuen Formaten über das Verfahren berichtet. Zum Beispiel gibt es einen eigenen Blog von Ihnen, Herr Majic, in dem ausführlich über jeden Prozesstag berichtet wurde. Hat sich das gelohnt?

Danijel Majic: Es lag uns sehr am Herzen, dass es dieses vertiefende Angebot gibt. Der Blog war viel Arbeitsaufwand, aber es hat sich auf jeden Fall gelohnt. Das ist ein Prozess, den man engmaschig begleiten muss. In der aktuellen Berichterstattung kann man auch nicht so sehr in die Tiefe gehen, wie wir es in dem Blog gemacht haben. Und es geht auch darum, wie sich der hr positioniert, indem er sagt: Das Verfahren ist so wichtig, das müssen wir machen. Ein Gewinn in Punkto inhaltliche Ausdifferenzierung war das auf jeden Fall.

Außerdem gibt es das "Vor-Urteil" – ein Video, in dem Sie beide über den Fall und ihre Eindrücke und Gedanken sprechen. Wie kam es dazu?

Heike Borufka: Bei dem vielen Schlange stehen hat man ja Zeit nachzudenken, und ich dachte mir: Hier sind zwei Leute immer da, nämlich Danijel Majic und ich. Wir sehen Dinge, wir sind im selben Prozess. Aber wir nehmen die Sachen unterschiedlich wahr. Es wäre doch spannend, darüber mal zu sprechen. So ist das Video entstanden.

Danijel Majic: Ich hatte auch einfach das Bedürfnis, nochmal über diesen Prozess zu reden. Auch wenn man mehr als 40 Einträge in den Blog schreibt gibt es einfach noch so viele Aspekte, über die man reden möchte und die man den Zuschauern zeigen möchte. Und durch die Lebendigkeit des Videos, dadurch, dass wir zwei uns einfach miteinander unterhalten, werden die Leute besser in den Prozess reingezogen und können hoffentlich besser miterleben, was uns beschäftigt hat.