Veränderung verunsichert. Umso mehr, da vieles noch gar nicht feststeht und bisher nur strategische Richtungsentscheidungen getroffen wurden. Derzeit kursieren aber schon Befürchtungen, Meinungen und Behauptungen zu hr2-kultur und den künftigen Programmangeboten. Ein Faktencheck.

"Gut recherchierte und interessante Wortbeiträge wird es künftig nicht mehr geben."

Die wird es natürlich auch weiterhin geben, denn wir setzen auch weiterhin auf Qualität. Wir planen nicht weniger Kulturberichterstattung aus Hessen, sondern eine breitere Aufstellung der Kulturberichterstattung für unterschiedliche Zielgruppen. Dazu gehört auch die Bedienung weiterer, digitaler Ausspielmöglichkeiten. Bestimmte Formate werden bereits jetzt stark als Podcast abgefragt. Auch ein reformiertes hr2-kultur wird selbstverständlich nicht "wortfrei" sein, sondern stärker um die Klassik zentriert. Mit attraktiven Inhalten aus und für Hessen, mit klarem Blick auf das Musikleben kompetent und lebendig präsentiert.

"Aus Wirtschaftlichkeits- und Quotenerwägungen darf ein Kulturprogramm wie hr2-kultur nicht eingestellt werden."

Das wird es auch nicht, das ist nicht Sinn der Sache, hier geht es nicht um ein Sparprogramm, sondern darum, mit gleichen Mitteln mehr Nutzer*innen zu erreichen. Das bedeutet, dass der hr, wenn er etwas Neues macht, etwas Bestehendes nicht mehr genauso weitermachen kann wie bisher. Der Umbau von hr2-kultur muss daher im Gesamtkontext gesehen werden, denn er ist nur ein Teil des Strategieprozesses "hr im digitalen Wandel". Und dieser ist kein Sparprogramm, sondern es geht um das künftige Portfolio des hr. Dass der Hessische Rundfunk generell sparen muss, steht dabei außer Frage.

"Klassik-Dudelfunk kann ich auch selbst auflegen. Es gibt keinen Bedarf für ein weiteres Klassik-Programm."

Mit der künftigen Positionierung von hr2 reagieren wir auf das Bedürfnis, mehr Klarheit und Stringenz in unsere Programmangebote zu bringen. Der Arbeitsbegriff "Klassikwelle" heißt für uns, dass wir das gegenwärtige Mischangebot aufgeben zugunsten eines primär klassisch ausgerichteten Musikformats. Das heißt nicht, dass dieses Programmangebot grundsätzlich alle anderen denkbaren Musikstile (z.B. Jazz) automatisch ausklammert und ganz ohne Wort daher kommen wird oder ohne längere Sendungen. Das wird in den nächsten Monaten noch zu erarbeiten sein.

"Es sollte mehr Kultur geben, nicht weniger. Anspruchsvolle Formate, Qualität und Vielfalt statt flachem Einheitsbrei."

hr2-kultur wird natürlich weiterhin ein Teil des kulturellen Diskurses und Partner des hessischen Kulturlebens bleiben, ebenso wie beispielsweise hessenschau.de oder hr-iNFO. Die Klangkörper, insbesondere das hr-Sinfonieorchester werden bei einer stärkeren Ausrichtung auf klassische Musik einen höheren Stellenwert im Programmangebot von hr2 erhalten. Insgesamt geht es ja gerade darum, mit Kulturangeboten und Kulturberichterstattung mehr Menschen zu erreichen.  

"Im Digitalen sind alle Angebote gleich – Kultur verschwindet dort vom Radar, wenn sie in linearen Programmen nicht mehr stattfindet."

An der Kultur interessierte Menschen sind zu 90% auch Internetnutzer*innen, das gilt auch für die Gruppen, die sich vorwiegend für die sogenannte Hochkultur interessieren. Um zukunftsfähig zu bleiben, müssen wir unsere Angebote – also auch unsere Berichterstattung über kulturelle Ereignisse  – stärker auf die digitale Nutzung ausrichten. Unseren Qualitätsanspruch werden wir selbstverständlich weiter erfüllen. Wir verfolgen das Ziel, mit einem breiter definierten Kulturbegriff unsere Berichterstattung auszuweiten und mit einer am Nutzer orientierten "Digital first"-Strategie in Hessen künftig mehr Menschen zu erreichen. Also: Kultur für alle!

Außerdem wird weiterhin Kultur auch in den linearen Programmen angeboten, im hr-fernsehen, in den Hörfunkwellen, in ARD-Mediathek und ARD-Audiothek. Sie verschwindet also nicht aus der linearen Welt, aber der Fokus richtet sich auf das Digitale.

"Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat einen Kultur- und Bildungsauftrag – dafür zahle ich meine Rundfunkbeiträge."

Wir sind uns unseres Kultur- und Bildungsauftrags bewusst und werden ihn auch künftig erfüllen. Allerdings ist er schon jetzt nicht auf hr2-kultur beschränkt, sondern gilt für das gesamte Programmangebot des Hessischen Rundfunks. Ziel der Umgestaltung ist es deshalb auch, durch neue Ausspielwege künftig noch mehr Menschen für anspruchsvolle Kultur- und Bildungsformate zu begeistern. So haben wir beispielsweise mit der Verlagerung des Funkkollegs von hr2-kultur zu hr-iNFO für eine der anspruchsvollsten Bildungssendungen der ARD ein völlig neues und vor allem breiteres Publikum erschlossen, so dass das Funkkolleg heute in der hessischen Bildungslandschaft fest verankert ist. Die kulturelle Berichterstattung u. a. bei hessenschau.de oder hr-iNFO bedeutet zugleich eine deutliche Stärkung des kulturellen Diskurses, denn das Thema Kultur wird mehr Sichtbarkeit erlangen und gleichwertig zu anderen großen Themen wie z. B. Hessen, Politik, Wirtschaft oder Sport behandelt. Unseren Bildungsauftrag erfüllen wir auch mit unserem reichhaltigen Angebot für Schulen.

"Mit 87.000 Hörerinnen und Hörern erreicht hr2-kultur doch viele Menschen."
Insgesamt werden die hr-Radioprogramme werktäglich von 2,1 Millionen Menschen in Hessen gehört. Mit hr2-kultur erreichen wir damit leider nur einen Bruchteil unserer kulturinteressierten Hörer*innen in Hessen. Bei der Neuausrichtung unseres Kulturprogramms geht es uns grundsätzlich darum, künftig noch mehr und auch jüngere Menschen zu erreichen und für unsere Kulturinhalte zu begeistern. Daher werden wir unsere regionale Kulturberichterstattung stärken und Formate für unser Onlineangebot hessenschau.de schaffen sowie Kulturinhalte mit besonderem Fokus für die ARD-Audiothek und ARD-Mediathek entwickeln. Damit kommen wir unserem kulturaffinen Publikum entgegen und folgen zwei Trends: zeitunabhängige und mobile Nutzung.

"Da wird an der falschen Stelle gespart."

Die Umstrukturierung ist kein neues Sparprogramm des hr. An der Kultur sparen wir insgesamt nicht, sondern wir richten unsere Kulturangebote neu aus, um eine möglichst breite Zielgruppe zu erreichen. Stichwort: Kultur für alle Menschen. Wir stärken nun vor allem die regionale Kulturberichterstattung im Onlinebereich. Mit der ARD-Audiothek und – Mediathek haben wir zwei attraktive Angebote, die wir weiter stärken wollen und die bei unseren Nutzern sehr gut ankommen. Wir wollen verstärkt Synergien nutzen, um digitale Kulturangebote ausbauen zu können. Außerdem umfasst das Kulturangebot des hr weitaus mehr als nur die Berichterstattung, nämlich Genres wie z.B. das Hör- oder Fernsehspiel und vor allem die beiden herausragenden Ensembles, die hr-Bigband und das hr-Sinfonieorchester. Auch werden wir weiterhin zahlreiche Kulturveranstaltungen anbieten und den Veranstaltern in Hessen ein verlässlicher Partner sein – unabhängig davon, wie wir die Kooperationen im Einzelnen weiterführen und weiterentwickeln werden.

"Sendungen wie 'Der Tag' und 'Doppelkopf' müssen erhalten bleiben. Auch Hörspiele und Feature muss es weiterhin geben."

Die Reaktionen unserer Hörer*innen auf die Ankündigung unserer Veränderungen werden bei den Entscheidungen einfließen, ebenso wie die Rückmeldungen aus Kulturinstitutionen und insbesondere die Diskussion in den Gremien. Wie die Ausgestaltung unserer Angebote im Einzelnen aussieht und wo der Content von "Der Tag" oder "Doppelkopf" zu finden ist, erarbeiten wir in den nächsten Monaten. "Der Tag" ist ein sehr gutes Beispiel, wie ein Ineinandergreifen von linearer Ausstrahlung und zeitunabhängiger Online-Verfügbarkeit funktionieren kann. Der Podcast erfreut sich großer Beliebtheit.

"Die Älteren dürfen nicht abgehängt und gegen die Jungen ausgespielt werden."

Das ist richtig, aber das gilt auch umgekehrt. Wir hängen derzeit eher die jüngeren Zielgruppen ab, weil wir unterdurchschnittlich wenig unseres Budgets dafür ausgeben. Hier steuern wir nun etwas gegen und wollen für eine Balance sorgen. Fakt ist, dass nur wenige junge Menschen hr2-kultur hören. Bei den letzten Radioquoten waren es nur noch 7.000 Hörer*innen unter 50 Jahren, die den Sender eingeschaltet haben. Unser Ziel muss es aber sein, mit unserer Kulturberichterstattung möglichst viele Menschen in Hessen zu erreichen, denn das ist unser Auftrag.