Manfred Krupp und Roswitha Scherer im Treppenhaus

Vielfalt in der Arbeitswelt – dazu gehört auch die Inklusion von Menschen mit Behinderung. Der Hessische Rundfunk nimmt diese Verantwortung ernst: Er beschäftigt fast doppelt so viele Mitarbeiter*innen mit Behinderung, wie die gesetzliche Pflichtquote vorgibt. Wie Inklusion im hr gefördert wird und warum Vielfalt eine große Stärke ist, erklären Intendant Manfred Krupp und Roswitha Scherer, Vertrauensperson der Schwerbehindertenvertretung, im Interview.

Menschen mit Handicap, mit Beeinträchtigung oder mit Behinderung: Welche Wortwahl ist eigentlich richtig und wertschätzend?

Roswitha Scherer: Allgemein lautet der richtige Ausdruck "Menschen mit Behinderung". Bei Menschen, die nicht sehen oder nicht hören können, sagt man blinde oder gehörlose Menschen, bei Rollstuhlfahrerinnen und Rollstuhlfahrern einfach "Mobilitätseingeschränkte".

Inklusion im hr – was bedeutet das?

Blindentisch im Foyer zur Goldhalle

Manfred Krupp: Der hr hat den Auftrag, allen Menschen die Beteiligung an gesellschaftlichen Prozessen zu ermöglichen. In der Programmgestaltung bedeutet das, für unser Publikum mit Hörbehinderung zum Beispiel Untertitel bereitzustellen – gerade bei aktuellen, meinungsbildenden Informationssendungen. Nach innen gerichtet heißt es, Rahmenbedingungen so flexibel zu gestalten, dass allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern mit Behinderung Teilhabe garantiert wird.

Was heißt das konkret?

Manfred Krupp: Mittlerweile wird die Schwerbehindertenvertretung von Anfang an in alle Vorhaben einbezogen und Barrierefreiheit ganz selbstverständlich mitgedacht. Wir fragen uns bei jedem Schritt: Ist das jeweilige Projekt so aufgestellt, dass wir alle mitnehmen und sich die Vielfalt im hr an dieser Stelle widerspiegelt?

Auch was die baulichen Maßnahmen betrifft, ist der hr – der schon im Jahr 2000 vom Sozialverband VdK als barrierefreies Haus ausgezeichnet wurde – gut aufgestellt. Es gibt taktile Bodenindikatoren, Türschilder mit Blindenschrift und individuell ausgestattete Arbeitsplätze, aber auch einen Telefondolmetscherdienst für gehörlose Mitarbeiter*innen. Behindertengerechte Toiletten, rollstuhlgerechte Rampen und Aufzüge mit dem Zwei-Sinne-Prinzip – Akustik und Tastsinn – ergänzen die Ausstattung.

Kann also jeder Mensch mit Behinderung in jedem Arbeitsbereich arbeiten?

Manfred Krupp: Es gilt der Grundsatz, dass das prinzipiell überall möglich sein soll. Wenn es irgendwo noch nicht funktioniert, lautet die Frage: Wie können wir es einrichten? Inklusion heißt eben nicht, einen Bereich zu definieren, in dem Menschen mit Behinderung arbeiten und sie aus anderen Gebieten auszuschließen. Aber auch hier gilt: Die individuellen Stärken und Schwächen, die jeder Mensch hat, entscheiden letztlich darüber, in welchem Arbeitsbereich jeder seine Kompetenzen am besten entfalten kann.

Rampe zum hr

Führungspositionen eingeschlossen?

Manfred Krupp: Wenn jeder Mensch nach Stärken und nach Schwächen beurteilt wird, dann gibt es Menschen ohne Behinderung aber mit Schwächen. Genauso gibt es Menschen mit Behinderungen und Stärken. Grundsätzlich gilt es, Schwachpunkte auszugleichen – ob das nun eine Behinderung ist oder etwas anderes. Erkenne ich bei einer Person mit Behinderung das Potenzial für eine Führungsposition, dann muss die erste Frage sein: Wie können benachteiligende Aspekte durch Hilfsmaßnahmen ausgeglichen werden? statt zu sagen: Das kommt nicht in Frage.

In der Praxis gibt es aber immer noch Berührungsängste: Soll ich meine blinde Kollegin über die Straße führen? Oder könnte ich sie damit bevormunden?

Roswitha Scherer: Behinderte Menschen legen – genauso  wie alle anderen Menschen – Wert auf Unabhängigkeit und Selbstständigkeit. Wenn sich abzeichnet, dass Hilfe angebracht ist, sollte man sie natürlich anbieten. Im Fall der blinden Kollegin bedeutet das, einfach zu fragen, ob man sie über die Straße begleiten darf. Grundsätzlich gilt es, niemals etwas ohne die Zustimmung des Gegenübers tun, andernfalls greift man massiv in seine Privatsphäre ein. Dass Hilfsmittel wie Blindenstöcke oder Rollstühle nicht als Spielzeug oder Garderobe benutzt werden dürfen, sollte sich von selbst verstehen.

Manfred Krupp: Berührungsängste bestehen ja aber auch in vielen anderen Bereichen. Zum Beispiel, wenn jemand Hemmungen hat, der Chefin oder dem Chef mal die eigene Meinung zu sagen. Das alles ist eine Frage des Klimas der Offenheit. Entscheidend ist, nicht über andere zu verfügen, sondern miteinander zu handeln. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Behinderung sind für sich selbst verantwortlich, aber alle Menschen im hr stehen in der Pflicht, ein Klima der Teilhabe, der Akzeptanz und der Selbstverständlichkeit zu fördern.

Gibt es im hr denn trotzdem Diskriminierung?

Türschild Blindenschrift

Manfred Krupp: Der hr existiert ja nicht unter einer Käseglocke. Deshalb gibt es auch hier das, was es in der Gesellschaft gibt. Wir wirken Diskriminierung aber an vielen Stellen schon von Anfang an entgegen: So wird etwa die Schwerbehindertenvertretung bei Bewerbungsgesprächen von Beginn an mit einbezogen und auch Führungskräfte werden fortlaufend dafür sensibilisiert, dass ein Team aus Menschen mit und ohne Behinderungen oft ein viel stärkeres ist als eines, das mit diesem Teil der Lebenswirklichkeit gar nicht konfrontiert ist.

Trotz aller Errungenschaften: Wo gibt es noch Nachholbedarf?

Roswitha Scherer: Das große Ziel ist es, nach dem Motto "designed for all" zu arbeiten. Die größten Barrieren sind immer noch in den Köpfen. Mein Wunsch ist es, diese Barrieren abzubauen, auch wenn da noch viel Arbeit vor uns liegt. Gelingen kann es nur durch gute Kommunikation und ein offenes Aufeinanderzugehen.

Manfred Krupp: Es gilt, an den Punkt zu kommen, an dem sich überall der Blickwinkel einstellt: Kolleginnen und Kollegen mit Behinderungen sind Menschen wie alle anderen. Die Behinderung ist nur ein kleiner Teil ihrer Persönlichkeit und darf die vielen anderen individuellen Facetten nicht überlagern. Abteilungen, in denen Menschen mit unterschiedlichen Lebensläufen, Herangehensweisen und Fähigkeiten arbeiten, müssen wachsen. Denn Vielfalt ist unsere große Stärke.

Weitere Informationen

Barrierefreie Angebote im hr und in der ARD

Infos über Untertitel und Audiodeskription im hr
Internetseite "Barrierefreie Angebote der ARD"

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