Ein Mädchen aus einem Flüchtlingstreck mit ihrer Puppe im Arm in den Wirren der Nachkriegszeit.

Was wären Geschichts-Dokumentationen ohne Zeitzeugen, ohne Menschen, die ihren Erinnerungen nachspüren und aus ihrem persönlichen Blickwinkel heraus Geschichte nacherlebbar machen.

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zum Download Teacher's Snack: Meine Geschichte - Zeitzeugen erzählen

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"Teacher's Snack" gibt in lockerer Folge erste Tipps und Anregungen für den Einsatz von Filmen im Unterricht. Diesmal bei "Wissen und mehr": Meine Geschichte - Zeitzeugen erzählen

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Die SWR-Sendereihe "Meine Geschichte" schöpft aus dem großen Fundus solcher Zeitzeugen-Interviews, gibt 15 Minuten Raum für ein ganz persönliches Zeugnis. Das kann und will keine historische Analyse ersetzen, eröffnet aber die Möglichkeit, eine Zeitperiode oder ein Thema durch eine Vielzahl von Stimmen für die Nachgeborenen erfahrbar zu machen. So entsteht im Lauf der Zeit ein breit gefächertes "Archiv der Erinnerungen".

Montag, 12.04.2021, 07:20 Uhr

Verfolgt von den Nazis: Heinz Humbach
aus: Meine Geschichte
SWR 15'04''  

Heinz Humbach, Jahrgang 1928, stammt aus einer kommunistischen Familie. Sein Vater war bereits 1933 von den Nazis verhaftet worden und verbrachte mehrere Monate im Zuchthaus. Die Familie gehörte zu einer Widerstandsgruppe in Köln dem "Nationalkomitee Freies Deutschland", die Bedrängten half: verfolgten Kommunisten, Zwangsarbeitern, Deserteuren und Juden. Sie nahmen von der Deportation bedrohte Menschen in ihrem Haus auf und versorgten sie, so gut es ging, mit Lebensmitteln. Auch die Nachbarn halfen mit. Das ging einige Zeit gut, bis die Gestapo Mitglieder der Widerstandsgruppe aufspürte, festnahm und unter Folter zu Aussagen zwang. So stieß die Gestapo auch auf Heinz Humbachs Eltern, mit denen er Ende November 1944 im Alter von 16 Jahren verhaftet wurde. Sie landeten im Sondergefängnis und wurden mit dem weiteren Vorrücken der US-Armee immer wieder verlegt. Schließlich konnten sie in Gießen von den Amerikanern befreit werden. Schon im Mai 1945 war Heinz Humbach Mitbegründer der KPD in Wetzlar. Im Juni 2004 starb Heinz Humbach in Köln.

Verfolgt von den Nazis: Volker Gabert
aus: Meine Geschichte
SWR 14'52''

Volkmar Gabert war gerade 15 Jahre alt, als er mit seinen Eltern vor den Nazis aus dem Sudetenland floh. Das war kurz nach dem Zustandekommen des Münchner Abkommens, durch das sich Hitler 1938, mit Zustimmung der Engländer und Franzosen, das Sudetenland einverleibte. Volkmar Gabert kommt aus einer sozialdemokratisch engagierten Familie. Darum wusste der Vater, Lehrer und Aktivist in der "Deutschen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei" in der Tschechoslowakei, was der Familie unter dem Hakenkreuz drohte. Die Gaberts folgten dem Aufruf der Sozialdemokratischen Partei zum Verlassen der Heimat. Volkmar Gabert arbeitete in England zunächst als Knecht auf dem Lande, schließlich wurde er Dreher. Nach 1945 blieb ihm die Heimat verschlossen. Alle Deutschen, auch Gegner des Naziregimes, wurden aus der Tschechoslowakei vertrieben. Volkmar Gabert wurde zusammen mit vielen aus dem Sudetenland in Bayern heimisch. Er machte politische Karriere und wurde Landes- und Fraktionsvorsitzender der bayerischen SPD. Im Februar 2003 starb er im Alter von 79 Jahren.

Dienstag, 13.04.2021, 07:20 Uhr

Verfolgt von den Nazis: Ingeborg Hecht
aus: Meine Geschichte
SWR 14'52''  

Ingeborg Hecht wurde 1921 in Hamburg geboren. Ihre Eltern lebten in einer von den Nazis so genannten "Mischehe". Ihr Vater, Dr. Felix Hecht, war ein jüdischer Anwalt und ihre Mutter eine adelige Protestantin. Als sich die Eltern kurz vor dem Machtantritt Hitlers 1933 aus persönlichen Gründen scheiden ließen, ahnten sie noch nicht, was das für die Familie bedeuten würde. "Meine Mutter konnte ja nicht ahnen, dass mit der Scheidung die Gesetze meinen Vater nachher so behandelt haben, dass er nicht mehr geschützt war", erinnert sich Ingeborg Hecht. Denn die Nürnberger Gesetze von 1935 systematisierten die Verfolgung und Ächtung der Juden. Als geschiedener Mann verlor der Vater von Ingeborg Hecht auch den von den Nazis noch gewährten Schutz der "Mischehe". Sogar der Kontakt zu seiner eigenen Tochter wurde ihm verboten. 1944 wurde Felix Hecht ins Konzentrationslager gebracht, nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Ingeborg Hecht erzählt von der Sorge um den Vater, von den wenigen heimlichen Treffen. Sie berichtet von ihrer Jugend, die von Einschränkungen, Bedrohungen und Ängsten geprägt war. Sie hat darüber auch ein Buch geschrieben, unter dem Titel "Die unsichtbaren Mauern".


Verfolgt von den Nazis: Lily van Angeren
aus: Meine Geschichte
SWR 15'36''

640 Deportationszüge rollen von 1942 bis 1944 nach Auschwitz. Unter den Deportierten auch etwa 23 000 Sinti und Roma, die größte Gruppe der Opfer nach den Juden; etwa 500 000 werden vom Regime der Nazis in ganz Europa ermordet. Unter den Deportierten ist auch Lily van Angeren. Als sogenannte Artfremde, ausgeschlossen aus der Volksgemeinschaft, werden die Sinti und Roma bereits 1935 in Deutschland verfolgt.
Lily van Angeren, Jahrgang 1924, hat sechs Geschwister. Der Vater ist Musiker, die Mutter handelt mit Kurzwaren. 1938 wird der Vater verhaftet. Erst 1942 erfährt die Familie, dass er im Konzentrationslager Oranienburg ist. Wenig später wird auch seine 19-jährige Tochter nach Auschwitz deportiert, dort, wo gleichsam am Fließband gemordet wird. Ihr Bruder stirbt, Verwandte sterben, sie selbst wird Opfer grauenvoller medizinischer Experimente. Bis ihr ein polnischer Häftling zu einem Posten in der Schreibstube verhilft. Im August 1944, im Zeichen der anrückenden sowjetischen Armeen, wird das sogenannte Zigeunerlager von der SS aufgelöst. Wer nicht mehr arbeitsfähig ist, wird vergast, 3000 Menschen in einer Nacht. Lily van Angeren kommt ins Konzentrationslager Ravensbrück. Nach der Evakuierung des Lagers kann sie auf dem anschließenden Todesmarsch der SS entkommen. Nach dem Krieg lebt Lily van Angeren in Holland.

Mittwoch, 14.04.2021, 07:20 Uhr

Verfolgt von den Nazis: Hugo Höllenreiner
aus: Meine Geschichte
SWR 14'30''

Als Hugo Höllenreiner 1933 in München Giesing geboren wird, scheint die Bedrohung durch den Nationalsozialismus noch fern: Der Vater ist Wehrmachtsoldat, die Schwester stolz auf ihre BDM-Uniform. Das ändert sich schlagartig im November 1941. Die Familie wird ins "Zigeunerlager" Auschwitz-Birkenau deportiert. Dort erlebt Hugo grauenvolle Dinge: die Gaskammern und Mengeles Experimente. Was ihn überleben lässt, ist der Zusammenhalt der Familie. Im Sommer 1944 werden sie weitertransportiert: von Ravensbrück über Mauthausen nach Bergen-Belsen. In Ravensbrück werden Mutter und Tanten zwangssterilisiert, der Vater gelangt nach Sachsenhausen, wo er den Krieg nur knapp überlebt. Am 15. April 1945 werden die Höllenreiners von der britischen Armee befreit. Hugo Höllenreiner hat erst vor wenigen Jahren begonnen, über die Zeit im Konzentrationslager zu reden.

Trümmerjahre: Magda Maier  
SWR 15'19''

Magda Maier, Jahrgang 1928, ist die Tochter von Reinhold Maier, dem ersten Ministerpräsidenten von Nord-Württemberg/Nord-Baden nach dem Krieg. Die Mutter war Jüdin, der Vater schwäbischer Protestant. Er war Rechtsanwalt, Mitglied des Landtags und seit 1933 Mitglied des Reichstags, wo er die Zustimmung der DDP für das Ermächtigungsgesetz begründet. 1939 gelang, wenige Tage vor Kriegsbeginn, der Mutter Gerta mit ihren zwei Kindern die Flucht über die Schweiz nach England. Reinhold Maier wollte Deutschland nicht verlassen. Erst durch Spenden amerikanischer Verwandter konnten die drei nach einem Jahr zusammenziehen. Der Briefkontakt zum Vater in Deutschland blieb bestehen, auch als der sich 1943 auf Druck der Nazis scheiden ließ. 1946 heirateten die Eltern erneut.
Magda Maier sagt heute, sie sei damals Zuschauerin gewesen, hätte einen anderen Blick als die anderen Deutschen, sie hatte lange das Gefühl, "ich lauf unter Leuten, die Schreckliches auf sich geladen haben". Es war eine Zeit der Sprachlosigkeit und Verdrängung, auch in der Familie, der Vater hatte nie nach der Zeit in England gefragt. Er hätte es wohl nicht ausgehalten, vom Elend seiner Angehörigen zu erfahren. Auch in der Schule stieß sie auf Unverständnis, sie hätte es in England doch besser gehabt als die Deutschen in der Heimat.
Die Familie lebte, obwohl er Ministerpräsident war, beengt zusammen mit einer anderen Familie in einem Dachgeschoss. Verwandte auf dem Land versorgten sie ab und zu mit Nahrungsmitteln. Als Zuschauerin beobachtete Magda Maier auch entsetzt, wie kalt und hartherzig die Flüchtlinge aufgenommen werden. Sie erinnert sich aber auch an politische Auseinandersetzungen um die Entnazifizierung. Bis heute fragt sie sich, warum ihr Vater über 20.000 Gnadengesuche unterzeichnet hat, die ehemaligen Nazis die Strafe verkürzten beziehungsweise erließen.

Donnerstag, 15.04.2021, 07:20 Uhr

Heimkehr aus dem Osten: Peter Limbourg
SWR 15'00''

Deutschland 1955: Ungezählte Deutsche warten, hoffen auf Rückkehr ihrer Angehörigen, die noch immer in der Sowjetunion als Kriegsgefangene, als Verschleppte festgehalten werden. Es gibt kein Problem, das vergleichbar die Menschen umtreibt und die öffentliche Meinung dominiert – im westlichen Deutschland jedenfalls, im östlichen ist es ein Tabu. In dieser Situation folgt Bundeskanzler Adenauer der Einladung der sowjetischen Regierung und besucht vom 8. bis zum 13. September 1955 Moskau. Der Kreml will diplomatische Beziehungen mit Adenauer vereinbaren: Als einen entscheidenden Schritt hin zur von den Sowjets angestrebten weltweiten Anerkennung der Spaltung Deutschlands. Der Kanzler ist mit großer Delegation angereist, mit Außenminister von Brentano, den Staatssekretären Hallstein und Eckardt und einer Vielzahl weiterer Beamter. Für den Bundestag sind die Abgeordneten Carlo Schmid von der SPD und Kurt Georg Kiesinger von der CDU dabei. KP-Chef Chruschtschow und Ministerpräsident Bulganin lassen zunächst keinerlei Entgegenkommen in der Frage der Kriegsgefangenen erkennen. Adenauer signalisiert den Abbruch des Besuches, als es doch noch zum Deal kommt: Botschafteraustausch zwischen Bonn und Moskau, dafür Freilassung der deutschen Gefangenen. Kurz nach Adenauers Rückkehr treffen die etwa 10 000 Gefangenen in der Heimat ein. Einer, der als Beamter des Auswärtigen Amtes in Moskau mit von der Partie war, erinnert sich: Peter Limbourg, später Bonns Botschafter in Athen und Brüssel.

Heimkehr aus dem Osten: Günther Kowalcyk
SWR 15'00''  

Die deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert spiegelt sich unmittelbar in Lebensläufen wider. Der Lebenslauf von Günther Kowalcyk ist dafür ein Beispiel. Mit 17 Jahren wurde er zur Wehrmacht eingezogen und im Krieg verwundet. Nach seiner Entlassung aus der Gefangenschaft ließ er sich im erzgebirgischen Stolberg nieder und gründete eine Familie. Doch in der DDR wurde er das Opfer reiner Willkür, die wegen seiner Kontakte zu politischen Institutionen in West-Berlin zu einer Verurteilung zunächst zum Tode führte, später umgewandelt in 25 Jahre Zwangsarbeit. Erst 1994 wurde er durch die Militärhauptstaatsanwaltschaft in Moskau rehabilitiert - eine Genugtuung. Ausradieren aber kann sie seine Leidensjahre nicht.

Freitag, 16.04.2021, 07:20 Uhr

Häftling der Stasi: Peter Rüegg  
SWR 14'30''  

Peter Rüegg wurde 1933 in Westberlin geboren. Er zog 1948 wegen eines Lehrstellenangebots nach Ostberlin. Als Jugendlicher wurde er Mitglied der Freien Deutschen Arbeiterjugend (FDJ). Peter Rüegg wollte die DDR aus Überzeugung unterstützen. 1953 folgte er einem Aufruf zum freiwilligen Waffendienst und meldete sich als Freiwilliger beim Kreisamt. Peter Rüegg verpflichtete sich für drei Jahre zum Dienst bei der Grenzpolizei der DDR. 1956 wurde er Unterleutnant und war an verschiedenen Dienststellen als stellvertretender Kompanieführer tätig. Er war in dieser Funktion auch für politische Schulungen der Grenzsoldaten zuständig. Sowohl der Arbeiteraufstand 1953 als auch der Ungarnaufstand 1956 ließen bei Peter Rüegg erste Zweifel an der Politik der DDR aufkommen. Auch innerhalb des DDR-Militärs blieben die Reaktionen der DDR-Führung und des Eingreifens der Sowjetunion nicht ohne Folgen: Viele Soldaten flüchteten aus der DDR in den Westen. Das Ministerium für Staatssicherheit reagierte darauf mit verstärktem Druck und mit demonstrativen Verhaftungen von angeblich Verantwortlichen. Im Sommer 1959 wurde Peter Rüegg vom Ministerium für Staatssicherheit (MfS) verhaftet. Peter Rüegg glaubt, dass an ihm mit falschen Beschuldigungen ein Exempel statuiert werden sollte. Der Vorwurf lautete auf angebliche Verherrlichung des Faschismus, Diffamierung der Sowjetarmee und Teilnahme an illegalen Versammlungen. Er wurde in Hohenschönhausen inhaftiert. Peter Rüegg berichtet über die beklemmende Situation während der Haft sowie über die willkürlichen Vernehmungsmethoden, die in der Forderung gipfelten, die Todesstrafe zu verhängen. Mielke persönlich, der Minister für Staatssicherheit, milderte es in "lebenslänglich" ab. Wundersamer weise wurde er dann 1960 nach monatelangen Verhören zu sieben Jahren Haft verurteilt – selbst die sonst willfährige DDR-Justiz hatte wohl erkannt, wie dünn die Vorwürfe gegen Peter Rüegg waren. 1963 wurde er im Zuge einer Amnestie entlassen.

Häftling der Stasi: Regina Kaiser  
SWR 14'50''  

1981 wurde Regina Kaiser vom DDR-Staatssicherheitsdienst verhaftet und kam nach Hohenschönhausen in Untersuchungshaft. Vorgeworfen wurden ihr "landesverräterische Agententätigkeit" und "landesverräterische Nachrichtenübermittlung". Sie wurde zu drei Jahren und zwei Monaten Gefängnis verurteilt. Ihre Haftstrafe verbrachte sie zweieinhalb Jahre lang im sächsischen Frauengefängnis Hoheneck. 1983 wurde sie von der Bundesregierung freigekauft. Regina Kaiser berichtet von ihren Ängsten nach der Verhaftung, den Verlust der Intimsphäre in der Zelle und über ihre Strategien, ihre Würde und Persönlichkeit gegenüber den Vernehmern und Bewachern zu wahren.