Familie (Vater, Mutter, dahinter Kind) schauen aus dem Eingangsbereich einer Tür hinaus in den dichten Graupelregen. Filmszene mit Serkan Kaya, Katja Studt

Das hr-Drama "Die Luft, die wir atmen" ist derzeit beim Filmfest München zu sehen. Eine doppelte Premiere: Es ist auch der erste nachhaltig produzierte Spielfilm des hr und Teil des bundesweiten Pilotprojekts "100 grüne Produktionen". Die Ideen des "grünen" hr-Drehs münden in ein zukünftig verpflichtendes Regelwerk für nachhaltige Kino- und TV-Produktionen in Deutschland: mit umweltschonendem Drehbuch, Bio-Filmschminke und Special Effects mit Regenwasser vom Landwirt.

Regiestuhl und Monitor draußen am Set, daneben stehen in Rückansicht zwei Männer

Da lag sie endlich auf dem Tisch – nur digital auf dem Desktop, natürlich nicht ausgedruckt: die Bilanz des ersten grünen Spielfilmdrehs des hr. Strich drunter unter all die Zahlenreihen mit CO2-Verbräuchen von Technik, Kulissenbau, Requisite, Kostüm, Catering und Co., summa summarum und …. geschafft! Der Spielfilm "Die Luft, die wir atmen" hatte als einer der ersten fertig bilanzierten Filme die Kriterien des Arbeitskreises "Green Shooting" erfüllt. Diese gemeinsame Nachhaltigkeitsinitiative vieler Filmproduktionsunternehmen hatte sich in einem gerade abgeschlossenen Pilotprojekt zu "100 grünen Produktionen" in 2020/21 verpflichtet. Die Spielfilmproduktion des Hessischen Rundfunks, gedreht im Frühjahr und Sommer 2020, zwischenzeitlich unterbrochen durch den ersten Corona-Lockdown, war als eine der ersten mit dabei. Die grünen Ideen der hr-Filmemacher*innen sind in ein zukünftig verpflichtendes Regelwerk für nachhaltige Kino- und TV-Produktionen in Deutschland eingeflossen, das aktuell vor der Fertigstellung steht. "Die Luft, die wir atmen", ein emotional eindringliches Drama, das in einem Pflegeheim spielt, wird derzeit am 7. Juli beim Filmfest München gezeigt.

Umweltschutz vor der ersten Klappe: ein nachhaltiges Drehbuch

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Unterm Strich: 58.625,46 kg. So viel CO2 wurde verbraucht. Gegenüber der unter normalen, "umweltsündigen" Produktionsbedingungen für diesen Film veranschlagten Menge hat man 7,52 Prozent CO2 eingespart. Klingt gar nicht so viel? "Sie müssen wissen", sagt Fabian Linder, externer Green Consultant für den Film, "dass ein durchschnittlicher 'Tatort' beispielsweise 100.000 bis 120.000 kg verbraucht. Blockbuster können auch mal 500.000 kg CO2 emittieren." Dagegen sei der CO2-Verbrauch dieses ARD-"Mittwochsfilms" sehr gering, etwa so wenig wie bei einer Folge einer Vorabendserie. Linder erklärt: "Bei diesem Spielfilm hat der hr den größten Beitrag zum Klimaschutz bereits vor der ersten Klappe erarbeitet – mit einem nachhaltigen Drehbuch: wenige unterschiedliche Drehorte, somit weniger Auf- und Umbauten, möglichst lang zusammenhängende Einsätze der Schauspieler*innen, somit weniger Reisen."

Am Set: Öko-Strom statt Diesel-Aggregat

Ein Trafohäuschen für Ökostrom auf dem Acker, Strohballen davor, Starkstromkabel führen weg

Motivaufnahmeleiter Robert Hertel, während des Drehs zum zweiten Green Consultant des Films ausgebildet, ergänzt: "Man muss viel früher beginnen, nachhaltig zu handeln, und viel Zeit in die Motivsuche investieren." So hat er ihn gefunden, den idealen Drehort: Die Jugendherberge Oberreifenberg im Taunus passte nicht nur ideal zur Geschichte des Films, sondern bot auch genügend Räume, sodass man anders als sonst keine Wohnmobile für Maske, Garderobe und Schauspieler*innen ans Set transportieren musste. Hertel kann Anekdoten erzählen, wie kompliziert es sein kann, anderthalb Kilometer Starkstromkabel zu zwei Ökostrom-Verteilerkästen zu verlegen. Doch das Ergebnis zählt: Der Diesel-Lkw, der sonst ein tonnenschweres Diesel-Stromaggregat in den Taunus hätte schleppen müssen, blieb ungenutzt – und emissionsfrei – stehen.

"Wir wollen uns dem Klimawandel entgegenstellen"

Zitat
„Dass Nachhaltigkeit unserem Publikum wichtig ist, zeigt sich spätestens, seitdem Tausende Menschen dafür auf die Straße gehen. Wir wollen zeigen, dass wir im hr verstanden haben: Besser wird es nur, wenn alle mitmachen – auch wir.“ Intendant Manfred Krupp Intendant Manfred Krupp
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Einen umweltschonenden Spielfilm drehen, wie geht das überhaupt? Bei vielen Drehs lief und läuft es am Set meist so, dass Tausende Plastikbecher im Müll landen und ungefilterte Dieselgeneratoren, Auto- und Flugreisen Hunderte Tonnen CO2 in die Luft schleudern. Es sind energiefressende Produktionen. Erderwärmung, plastikverseuchte Ozeane, "Fridays for Future" – hr-Produktionsleiter Dominik Diers war klar: "Wir Filmschaffenden beim hr sehen uns in der Verantwortung für mehr Nachhaltigkeit. Wir müssen und wollen uns mit unserem Handeln dem Klimawandel entgegenstellen, das ist nicht mehr die Frage, ob sondern wie."

Recycelte Kulissen, Second-Hand-Kostüme und Bio-Kosmetik

Am Filmset, draußen: großer, rechteckiger LED-Scheinwerfer auf einem Ständer, dahinter, kaum sichtbar, ein Beleuchter

Fragen klären musste er jede Menge, schon Monate vor Drehstart: Gibt es vor Ort umweltzertifizierte Hotels für die Schauspiel-Crew? Wo kriegt die Maske Bio-Kosmetik her, die auch vor Filmkameras besteht? Sind die Bügel beim Kostüm aus Plastik, Draht oder Holz? Bietet das Catering regionale und vegetarische Kost an? Dominik Diers recherchierte Öko-Labels, Inhaltsstoffe, Herstellungsarten, Energieverbräuche – und verbreitete ihn unter seinen Leuten, den "nachhaltigen Spirit".

So geht "Green Shooting"

Mit Erfolg: Darsteller*innen, die länger als zwei Tage vor Ort waren, übernachteten in Ferienwohnungen statt in verbrauchsintensiveren Hotels und reisten mit der Bahn statt mit dem Flieger. Szenenbildner*innen verwendeten umweltfreundliche Stoffe, Baumaterialien und Kulissen aus früheren Produktionen. Kostümleute nutzten Second-Hand-Kleidung und reinigten mit ökologischem Waschmittel. Maskenbildner*innen schminkten mit umweltschonend und natürlich hergestellten Make-Ups, mit Pinseln aus recyceltem Material und Bambus-Wattestäbchen.

Zitat
„Dass Dreharbeiten nachhaltiger werden müssen, ist Fakt. Dass der Hessische Rundfunk seine Eigenproduktionen grüner gestaltet, finde ich toll und bin sehr froh, mit meinem Film ‚Die Luft, die wir atmen‘ dieses neue Zeitalter einzuläuten.“ Regisseur Martin Enlen Regisseur Martin Enlen
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Die Aufnahmeleitung tauschte alle Batterien durch wiederverwendbare Akkus aus. Die Lichttechnik leuchtete ausschließlich mit LED-Scheinwerfern aus, was deren Stromverbrauch um 40 Prozent reduzierte. Ohnehin versuchte man, viel Tageslicht zu nutzen. Die Fahrbereitschaft organisierte eine große Anzahl an Hybridfahrzeugen. Nur Lkw als Hybrid, die konnte sie nicht organisieren. Da war die TV-Produktion schneller als der Mietwagenmarkt, der solch umweltschonende Lkw schlichtweg noch nicht anbietet.

Thermos-Teekanne und Plastikbecher mit Namen beschriftet; Namensaufkleber

Drehbücher gab’s nur digital auf Laptops, und wenn überhaupt etwas ausgedruckt wurde, dann auf recyceltem Papier. Und bitte den letzten Rest anfallenden Müll sortenrein trennen, Hinweisschilder dazu überall am Set. Statt Plastikbecher nutzte die Crew Kaffeetassen und wiederverwendbare Flaschen für die Wasserspender. Einzig Fleischgerichte wurden von manchem vermisst, aber das hat man der Umwelt zuliebe gern verkraftet.

Special Effects: Regenwasser vom Landwirt statt Leitungswasser

Tankwagen (Anhänger) eines Landwirts steht auf einer Straße, davor steht Motivaufnahmeleiter und Green Consultant Robert Hertel

Zwischendrin kam der Traktor herangetuckert: Für den Kunstschnee, der laut Drehbuch herabrieselt, wandte sich Robert Hertel an einen Landwirt aus der Umgebung, der einen 9.000-Liter-Tankwagen randvoll mit gesammeltem Regenwasser herankarrte – Ackerkrume klebte auch dran. Kein Tropfen Frischwasser wurde für den Schnee verbraucht, ein Beitrag zum Umweltschutz, der in der CO2-Bilanz gar nicht auftaucht. "Grünes Drehen bringt auch einen Zugewinn an Kreativität", hat Green Consultant Fabian Linder oft erfahren. "Da passiert etwas mit den Leuten, das wirkt sich bis ins Privatleben aus."

Corona stoppte den Dreh

An der Kamera Kameramann Philipp Timme, Setmitarbeiter, ganze Szene voll mit Hagelniederschlag

Doch dann kam Corona. "Dreharbeiten abgebrochen!" Teammitglieder mussten einzeln in Autos anreisen, das Catering durfte nur separat verpackte Essen zubereiten, alles und jede*r fand sich hinter Plastik abgeschirmt wieder. Für die CO2-Bilanz eine Katastrophe. Sollten alle Anstrengungen umsonst gewesen sein? Die größten Verbrauchsposten Ausstattung, Catering, Personentransport schlugen deshalb ungeplant höher als in der Kalkulation veranschlagt zu Buche. "Das hat unsere Zielmarke stark gedrückt", räumt Dominik Diers ein. "Jedoch: Wir hatten vor der Drehunterbrechung schon solche Mengen an CO2 eingespart, dass es selbst trotz Corona-Bedingungen für eine grüne Bilanz gereicht hat." So gesehen war der Dreh von "Die Luft, die wir atmen" in mehrfacher Sicht eine Premiere für den hr: für das nachhaltige Drehen und fürs Spielfilmdrehen in Zeiten der Pandemie. In diesem Jahr will der hr den Anteil der "grünen" Spielfilme auf die Hälfte erhöhen. Nach zwei klimaschonend gedrehten hr-"Tatort"-Krimis läuft bereits die Planung für die vierte hr-Produktion mit nachhaltigem Spirit.

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Nachhaltigkeitsinitiative

Der erste nachhaltig produzierte hr-Spielfilm "Die Luft, die wir atmen" war einer der ersten abschließend bilanzierten Filme des Pilotprojektes "100 grüne Produktionen" des Arbeitskreises Green Shooting. Die Ergebnisse des hr sind eingeflossen in ein in Abschluss befindliches wissenschaftlich ausgewertetes und einheitliches Regelwerk für nachhaltige Filmproduktionen in Deutschland und für in Zukunft einzuhaltende Nachhaltigkeitskriterien bei der Produktion von Spielfilmen und der Vergabe von Fördergeldern. Die Evaluation der Nachhaltigkeitsinitiative erfolgt in Kooperation mit der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien. 2020 hatte die ARD gemeinsam mit führenden Vertreter*innen der Filmbranche sowie der Staatsministerin für Kultur und Medien Monika Grütters die "Gemeinsame Erklärung für mehr Nachhaltigkeit in der Film- und Serienproduktion" unterzeichnet.

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"Die Luft, die wir atmen"

An einem klirrend kalten Wintertag besuchen mehrere Gäste ihre Angehörigen in einem Altersheim im Frankfurter Umland: Ein Mann will seine an Parkinson erkrankte Frau überreden, sich im gemeinsamen Haus von ihm pflegen zu lassen. Eine Tochter streitet mit ihrem dementen Vater über die Vollmacht fürs Konto, und ein Sohn sitzt am Sterbebett seiner Mutter und kann nicht loslassen. Dann setzt plötzlich Eisregen ein: Angehörige, Bewohner*innen und Pflegekräfte sitzen fest ... Das Drama "Die Luft, die wir atmen" wurde in Oberreifenberg im Taunus sowie im Studio im Funkhaus Frankfurt gedreht. In den Hauptrollen: Rainer Bock, Ruth Reinecke, Bernadette Heerwagen, Gerd Wameling, Katharina Nesytowa, Barbara Philipp, Thomas Loibl, Neda Rahmanian, Katja Studt und Patrycia Ziolkowska. Regie: Martin Enlen, Drehbuch: Julia C. Kaiser. Der Film ist am 24. November 2021 in der ARD und dann auch in der ARD-Mediathek zu sehen.

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