Lyel, Tochter der jüdischen Familie
Antisemitismus ist Teil des Alltags. Lyel, älteste Tochter der Frankfurter Familie, die der Film zeigt, berichtet von antijüdischen Schmähungen am Spielfeldrand bei Turnieren des Sportvereins Makkabi. Bild © Das Erste

Beleidigungen, tätliche Gewalt – 80 Jahre nach dem Novemberpogrom der Nazis geht "Der Antisemitismus-Report" der Frage nach, wie Experten und Betroffene aktuell die Situation einschätzen und erleben. hr-Filmemacher Adrian Oeser über die Dreharbeiten und die Schwierigkeit, Protagonisten zu finden.

Ist Antisemitismus für Juden in Deutschland im Jahr 2018 ein Thema? Trifft es nur Menschen, die ihre Religion offen zeigen? Für den "Antisemitismus-Report" wollte ich eine normale jüdische Familie porträtieren. Das war schwieriger, als ich es mir vorgestellt hatte. Viele Mitglieder der jüdischen Gemeinden wollen nicht öffentlich hervortreten.

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"Der Antisemitismus-Report"
Donnerstag, 8. November, 23:15 Uhr
hr-fernsehen

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"Sie wollen nicht erkannt werden, um keine Anfeindungen ertragen zu müssen", sagt Julia Bernstein, Antisemitismus-Forscherin und eine der befragen Experten des Films. Die Professorin der Fachhochschule Frankfurt hat die Lebensrealität von Jüdinnen und Juden in Deutschland untersucht. Ihr Ergebnis ist, dass 70 Prozent der Befragten es vermeiden, jüdische Symbole wie den Davidstern oder die Kippa öffentlich zu zeigen.

Die Frankfurterin Barbara Bišický-Ehrlich hat sich entschieden, vor die Kamera zu gehen. Die Enkelin von Holocaust-Überlebenden hat bereits in einem behutsam und berührend erzählten Buch "Sag, dass es dir gut geht", die Geschichte ihrer Familie geschildert. "Wir haben das in der Familie diskutiert", sagt sie. Nach einem Vorgespräch verabreden sie und ihre drei Kinder Lyel, Samuel und Lian sich mit mir zum Dreh.

Ich wollte die Familie im Alltag zeigen

Welche Bilder nehmen wir auf? Welche Geschichte wollen wir erzählen? Diese Fragen müssen geklärt sein, bevor es mit dem Drehen losgehen kann. Ich wollte die Familie im Alltag zeigen, eine normale Familie. Woran man denn erkennen würde, dass sie Juden seien, hat mich der Kameramann gefragt. Äußerlich gar nicht, habe ich geantwortet. Die Mehrzahl der etwa 100.000 Juden in Deutschland ist, wie die Familie Bišický-Ehrlich, nicht streng religiös und damit äußerlich nicht erkennbar.

Die erste Szene beim Dreh war ein gemeinsames Mittagessen der Familie. Auf den Tisch kamen Nudeln mit Bolognese und Käse. Für religiöse Juden undenkbar. Käse und Fleisch gemischt, das ist nicht koscher. Was macht das Jüdisch sein aus, wenn man nicht religiös ist? "Es ist ein Teil der Identität", erklärte Barbara Bišický-Ehrlich. Ein Zugehörigkeitsgefühl, eine geteilte Geschichte. Ich habe sie gefragt, warum es so schwierig ist, eine jüdische Familie vor die Kamera zu bekommen. "Wir haben 2018. Und jetzt kommt hier ein Fernsehteam und zeigt das Leben einer normalen jüdischen Familie. Allein das ist doch eigentlich schon skurril." Sollte es nicht so normal sein, jüdisch zu sein, dass man es gar nicht thematisieren muss?

Ist es für Jüdinnen und Juden heute sicher in Deutschland?

Zwei Ereignisse haben in den letzten Monaten öffentliche Empörung hervorgerufen: Im Frühjahr schlägt in Berlin ein junger Syrer mit seinem Gürtel auf einen Mann mit Kippa ein. Am helllichten Tag. Ebenfalls in Berlin wird ein israelischer Restaurantbesitzer von einem Passanten bedroht: Er werde bald vergast. Zu beiden Vorfällen gibt es bedrückende Bilder, eingefangen von Handykameras. Ist es mehr als 70 Jahre nach dem Ende des Nationalsozialismus für Jüdinnen und Juden sicher in Deutschland? Oder sitzen sie wieder auf "gepackten Koffern"?

Mir war wichtig, im Film zu zeigen, dass Antisemitismus nichts damit zu tun hat, ob man religiös lebt oder nicht. Antisemitismus kann jeden treffen. So wurde Barbaras Bišický-Ehrlichs älteste Tochter gefragt, ob es stimme, dass Juden keine Steuern zahlten. Darin drückt sich das gängige antisemitische Klischee aus, Juden würden aus dem Holocaust profitieren. Eine Frage, die auch Barbara Bišický schon öfter begegnet ist. Dass es nicht bei versteckten Andeutungen bleibt, wissen die Familienmitglieder. Sohn Samuel hat entschieden, seine Kette mit Davidstern nicht mehr öffentlich zu tragen. Wenn Juden sich offen zeigen, müssen sie befürchten, angefeindet zu werden. Die Antisemiten sind lauter geworden. Beunruhigend ist das nicht nur für Jüdinnen und Juden. Denn Antisemitismus ist auch ein Indikator für den Zustand unserer Gesellschaft.

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Zur Person

Adrian Oeser arbeitet seit 2017 als freier Filmemacher für den Hessischen Rundfunk. "Antisemitismus trägt heute viele Gewänder", sagt er. "Ihn zu erkennen, ist nicht immer leicht. Der Film soll helfen, den Blick zu schärfen." Er selbst beschäftigt sich schon lange mit dem Thema: In seinem ersten Dokumentarfilm (eine-ausnahme.de) porträtierte er 2007 die Frankfurter Ehrenbürgerin Trude Simonsohn und die Widerstandskämpferin Irmgard Heydorn.

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