Markus Gürne
Markus Gürne leitet für den hr die Redaktion ARD-Börse TV und moderiert die Börsenberichterstattung für "Das Erste" Bild © hr/Ben Knabe

Der große Crash: Vor zehn Jahren ging die US-Investmentbank Lehman Brothers pleite und löste eine weltweite Finanzkrise aus. Welche Lehren zog man daraus? Wie hat sich die Finanzwelt und die Berichterstattung verändert? Fragen an Markus Gürne, Leiter der ARD-Börsenredaktion Fernsehen.

hr.de: 10 Jahre nach Lehman – wie hat sich das Finanzsystem in der Folge der großen Pleite gewandelt?

Markus Gürne: Das Finanzsystem hat sich vor allem in der Wahrnehmung der Gesellschaft verändert. Es ist bis heute nur wenig Vertrauen in der Bevölkerung vorhanden. Die Politik hat zunehmend erkannt, dass Aufsicht und Regulierung wichtig sind, um Risiken zu minimieren. Auch die Haltung derer, die im Finanzsystem arbeiten, hat sich überwiegend verändert. Aber natürlich gibt es immer noch Akteure, die nach wie vor mit hohen Risiken Geschäftsmodelle betreiben, die zweifelhaft sind. Und mit dem Geld der anderen in unsichere und hoch riskante Geschäfte investieren. In der globalisierten Welt, in der Lieferketten und Dienstleistungen längst internationalisiert sind, ist es schwer, diese Risiken zu erkennen und sie umgehen zu können. Das fällt den Handelnden in der Politik schwer, bei der Aufsicht und erst recht den Bürgerinnen und Bürgern.

Welche Lehren haben die Wirtschaftsjournalisten aus der Pleite gezogen?

Gürne: Die Wirtschaftsberichterstattung hat sich fundamental verändert. Standen früher Zahlen im Vordergrund, ist es heute die Erklärung. Und ich meine nicht die, die Geschäftsmodelle erklärt, sondern den großen Bogen darüber. Wie verhalten sich Politik, Wirtschaft und Finanzen zueinander? Welche Auswirkungen hat dieses Zusammenspiel auf jeden Einzelnen? Und was lernen wir daraus? Welche Erkenntnisse aus diesem Zusammenwirken und den Auswirkungen müssen wir beachten? Wo sind Chancen? Wo liegen Risiken? Und was bedeuten diese Zusammenhänge für unsere Gesellschaft? Wir stellen fest, die Menschen verstehen mehr von Wirtschaft und Finanzen, weil sie verstanden haben, dass diese Themen für ihr Leben wichtig sind. Und daher fordern sie mehr Informationen zu diesen Themen ein. Am besten in ihrer Sprache und mit Beispielen aus ihrem Leben.

Wo drohen heute die größten Gefahren? Kann Ähnliches noch einmal passieren?

Gürne: Selbstverständlich gibt es zahlreiche Risiken. In der digitalisierten und vernetzen Welt nehmen die eher zu denn ab. Das gilt natürlich auch für die Finanzwelt. Es treiben sich nur unseriöse Anbieter und entsprechende Angebote herum, sondern auch diejenigen, die mit Cyberangriffen ganze Institutionen und Einrichtungen angreifen und lahmlegen wollen. Stellen Sie sich mal eine Bank vor, die drei oder vier Tage lang handlungsunfähig ist, weil sie angegriffen wurde und nicht mehr tätig sein kann. Dieses Institut dürfte erledigt sein. Vor solchen Szenarien warnen auch Aufseher und richten ihr Augenmerk auch ganz besonders auf diesen Bereich.

Für Ihren Wirtschafts-Check „Der Jahrhundert-Crash“, am 12. September im hr-fernsehen, haben Sie das Verhalten von Kleinanlegern und deren Einfluss untersucht. Was ist dabei herausgekommen?

Gürne: In Deutschland ist das Bedürfnis nach Sicherheit seit jeher groß. Das hat natürlich historische Gründe nach den Erfahrungen zweier Weltkriege. Hinzu kamen später Ereignisse wie die geplatzte Blase des sogenannten "Neuen Marktes". Das hat diesen Effekt noch verstärkt. Der Lehman-Crash und die Folgen haben neben der Skepsis und Unkenntnis über Finanzprodukte eben auch noch diesen enormen Vertrauensverlust gebracht. Das macht das ganze Thema so kompliziert wie schwer, denn die Vorbehalte sind riesig. Die Folgen der Krise, die wir bis heute spüren, hat aber noch einen weiteren Effekt. Durch die Rettungspakete und die Abschaffung des Zinses haben die Leute in der Folge gemerkt, dass Sparen ebenso nicht mehr funktioniert. Und es deshalb notwendig ist, sich selber mit den Themen rund um Geld und Finanzen zu beschäftigen. Gerade die Jüngeren haben das entdeckt, denn sie haben zwar in der Regel weniger Geld, aber dafür mehr Zeit, sich mit Vermögensbildung und Altersvorsorge zu beschäftigen. Deshalb ist Finanzbildung Verbraucherschutz und die Nachfrage danach nimmt zu.  

Weitere Informationen

hr-Sendungen und Beiträge zum Jahrestag der Lehman-Pleite

Der hr ist federführend an einem Lehman-Dokudrama beteiligt, das am Sonntag, 23. September, um 21.45 Uhr im Ersten zu sehen ist. Auch hr-iNFO berichtet ausführlich über das Thema, boerse.ARD.de sammelt seine Berichte auf einer Themen-Seite.
Eine Übersicht aller TV-Sendungen des hr zur Lehman-Pleite gibt es hier hier.

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