Das Augmented Reality Projekt des WDR
Das Augmented Reality Projekt des WDR : "Kriegskinder 1933-1945" Bild © WDR/Annika Fußwinkel

Wenn einem Menschen ihre Erlebnisse während des Kriegs erzählen, und einem dabei direkt in die Augen sehen, dann vergisst man das nicht. Aber weil es immer weniger Zeitzeugen gibt, die zu jungen Menschen in die Klassenzimmer kommen können, hat der WDR eine App entwickelt, die genau diese Gänsehautmomente bewahren soll.

"Das ist alles wie eingebrannt. Wie eingebrannt." Die Stimme von Anne Priller-Rauschenberg hallt nach, ein bisschen Rauch umgibt den Sessel, auf dem sie sitzt, noch, und füllt den Raum, in dem man sich befindet. Das ist nämlich ein und derselbe: Die Kölnerin, 79 Jahre alt, erzählt von ihrem Trauma direkt im eigenen Wohn- oder Klassenzimmer, nicht mal zwei Meter entfernt vom eigenen Smartphone-Bildschirm, durch den man sie sehen kann. "Augmented Reality" heißt die Technik, mit der die App "WDR AR 1933-1945" Zeitzeugen des Zweiten Weltkriegs als dreidimensionale Projektion an jeden Ort der Welt holen kann. Dabei vermischt sich die reale Welt durch die Kamera des Smartphones oder Tablets mit virtuellen Elementen. So sollen die Geschichten dieser Menschen erlebbar bleiben, in einer Zeit, in der genau diese Menschen immer weniger werden. So lautet die Idee hinter der History-App des Westdeutschen Rundfunks: Allen Menschen, besonders aber Schülern und Heranwachsenden, die Möglichkeit erhalten, die Erfahrungen der Zeitzeugen direkt aus deren Mund zu hören. Auch dann, wenn sie nicht mehr in ihre Klassenzimmer kommen können.

Funken, Staub und Feuer

Nach dem Start beginnt die App mit einer Anleitung: In sechs Schritten wird mit Hilfe von Bildern erklärt, was zu tun ist. Zwei Voraussetzungen gibt es:  Hell sollte es sein im Raum, und der Boden sollte ein Muster haben. Dann nur noch zwei-, dreimal das Handy drehen und los geht es: Ein Kreis erscheint, man klickt ihn an, und plötzlich erscheint Anne Priller-Rauschenberg auf einem Sessel mitten im Raum. "Es war die Hölle", sagt die Frau im grauen Rollkragenpullover und kurzem Haar mit brüchiger Stimme. Ihr Körper scheint sich zu versteifen – man kann quasi um sie herum gehen - ihr Blick ist ernst. Man hat das Gefühl, sie schaut einem direkt ins Gesicht. Funken fliegen, als sie vom Feuer spricht, Staub fliegt, wenn sie von den Nächten im Bunker erzählt. Und man selbst sitzt quasi mittendrin.

Anne Priller-Rauschenbergs Geschichte ist eine von dreien der "Kriegskinder – Children of War" in der neuen WDR-History-App. In den weiteren Teilen erzählen Vera Grigg aus London und Emma aus Leningrad von ihren Erlebnissen während des Zweiten Weltkriegs. Im nächsten Teil, der für Sommer 2019 terminiert ist, soll es um Anne Frank gehen.

Ziel: Junge Menschen erreichen

Entstanden ist das digitale Innovationsprojekt des WDR in Zusammenarbeit mit der "Hochschule Düsseldorf" und der Animationsfirma "Lavalabs". Gemeinsam haben sie auf der ganzen Welt Zeitzeugen interviewt und daraus eine Darstellungsform entwickelt, die besonders Jugendlichen einen Anreiz bieten soll, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Seit Mitte Februar gibt es die App für Apple, nun ist sie auch für Android verfügbar. Dazu gibt es für Lehrer*innen einen Button, mit dem sie zu einem Paket voller Unterrichtsmaterial gelangen. Denn darauf liegt der Fokus: Schüler*innen die Stimmen der Zeitzeugen erhalten, und zwar so, als säßen sie mit im Klassenzimmer. "Wie eingebrannt", hallt es dann nach. Die Stille, die dabei entsteht, ist, was der WDR erhalten möchte.