Seite 76 des Manga "Children of Grimm"

Zwei von drei verkauften Comics in Deutschland sind inzwischen Manga. Sie sprechen vor allem ein jüngeres Publikum an und haben enorme Zuwachsraten. Der Buchhandel hat den Trend längst für sich entdeckt. Von Alex Jakubowski.

Mit großer Spannung blicken Autor Aljoscha Jelinek und Zeichnerin Mareike Noske aka Blackii auf den diesjährigen Manga Day - einer Aktion der Verlage, die heute in Hunderten Comic- und Buchläden stattfindet. Die beiden sind Mangaka, also Macher eines Manga. Ihr gemeinsamer "Comic Children of Grimm" feiert Premiere. "Wir haben die Story wie eine Sauce einkochen lassen und auf ihre Kernelemente reduziert", erzählt Texter Jelinek. "Mal sehen, ob sie den Leuten schmecken wird."

Zwar ist das Buch noch gar nicht endgültig fertig, aber der Verlag wirft eine Leseprobe auf den Markt - als Teil der "Manga-Day"-Veröffentlichungen. Interessierte Leser können unter 27 Titeln auswählen, die in 1200 Läden in Deutschland, Österreich und der Schweiz verschenkt werden. Für die jungen Manga-Macher Jelinek und Noske ist es eine Ehre, mit ihrem Buch dabei zu sein, in dem es um einen kleinen Waisenjungen geht, der davon träumt, ein legendärer Märchenheld zu sein.

Für Zeichnerin Blackii üben Manga eine eigene Faszination aus: "Ich liebe einerseits den Humor und die visuelle Ebene bei Comics. Auf der anderen Seite schätze ich die komplexeren Geschichten und die emotionale Tiefe von Romanen. Manga führt diese beiden Aspekte für mich zusammen. Sie lassen mich mit den Helden mitfiebern, laut mit ihnen lachen und auch mal das ein oder andere Tränchen verdrücken." Aspekte, die für viele Manga-Leser gelten dürften und vielleicht deren große Nachfrage erklären.

  • Zwischen Krise und Konsolidierung

Umsatz um fast 40 Prozent gewachsen

Die Chancen auf einen Verkaufserfolg stehen auch für die beiden deutschen Mangaka nicht schlecht. Zwei von drei verkauften Comics in Deutschland gehören mittlerweile zur Sparte Manga. Innerhalb der Hauptwarengruppe Belletristik machen Manga laut Media Control im Zeitraum Januar bis August dieses Jahres 7,6 Prozent aus. Zuletzt wurde ein Umsatzzuwachs von fast 40 Prozent registriert. In den vergangenen fünf Jahren stieg die Zahl der veröffentlichten Manga laut dem Verzeichnis lieferbarer Bücher von 945 Titeln im Jahr 2017 auf 1390 im Jahr 2022. Bei den E-Books wuchs die Zahl im gleichen Zeitraum von 324 auf 1003 Titel. Ein Boom, der noch vor Jahren kaum vorstellbar war.

Einer, der an diesem Boom mitgewirkt hat, ist Verleger Joachim Kaps. Seit Jahren macht er sich bei unterschiedlichen Verlagen für das Thema Manga stark. Jetzt bringt er in seinem Verlag altraverse den Comic der beiden Manga-Macher Jelinek und Noske heraus. "Trotz allen Hypes stehen wir in Deutschland immer noch am Anfang", so Kaps. "Wir kommen gerade erst an den Punkt, dass einige Themen am sogenannten Mainstream kratzen. Das war in Japan schon vor einigen Jahrzehnten der Fall." Im Buchhandel hätten sich die Vorurteile gegenüber Manga mittlerweile abgebaut. "Weil alle froh sind, dass Manga junge Leserinnen in die Läden bringen."

  • Manga Day 2023

Die meisten Leser zwischen 13 und 40 Jahren

Das bestätigt auch Kai-Steffen Schwarz, Programmchef bei Carlsen Manga!, dem Marktführer . "In den vergangenen zwei bis drei Jahren sind sehr viele neue, meist jüngere Leser hinzugekommen, die Klassiker wie 'Naruto', 'Dragon Ball' oder 'Vampire Knight' erstmals für sich entdeckt haben." Carlsen Manga! hatte im August 2023 sechs Veröffentlichungen unter den Top Ten der meistverkauften Veröffentlichungen. Darunter Titel wie "One Piece", "Naruto" oder "My Hero Academia".

"In den vergangenen drei Jahren hat sich der Umsatz bei Carlsen Manga! tatsächlich mehr als verdoppelt", sagt Schwarz. "Der Kern der Leserschaft ist zwischen 13 und 40 Jahren. Die Generation, die mit 'Dragon Ball' und 'Sailor Moon' aufgewachsen ist, ist zum Großteil weiter an Manga interessiert, sammelt immer noch Longseller wie 'One Piece', interessiert sich aber auch für schöne Neuausgaben. Zugleich kommen die Kinder dieser Generation selbst ins Lese- und Kaufalter."

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Mehr deutsche Eigenproduktionen

Verleger Kaps von altraverse glaubt daher, dass ein dauerhaftes Wachstum von 15 bis 20 Prozent im Jahr möglich ist. "Wenn es Manga gelingt, weiterhin Angebote für junge Leser zu machen und mit den Lesern von gestern älter wird, kann sich noch viel entwickeln", so Kaps. So dürfte es künftig auch mehr deutsche Manga geben, glaubt auch Verleger Schwarz von Carlsen Manga! "Qualitativ stehen die deutschen Arbeiten den japanischen quasi in nichts nach. Allerdings sind die Produktionsbedingungen andere als in Japan, wo die Mangaka mit Assistenten arbeiten und somit in kurzer Zeit viel mehr Seiten abliefern können."

Andere Produktionsbedingungen die auch für die beiden Mangaka Jelinek und Noske gelten. "Bei allen kalten kommerziellen Interessen, die dahinterstehen, fühlen sich Manga für mich unschuldiger und unverbrauchter an", so Jelinek, der gemeinsam mit seiner Zeichnerin seit fünf Jahren an ihren Manga-Fähigkeiten feilt. "Wir hoffen daher, die Leute mit unserem Niveau überraschen zu können."

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